Um die heutigen Schwierigkeiten in Ispra zu verstehen, muß man einen Blick auf die organisatorischen Zusammenhänge in der Europäischen Atomgemeinschaft werfen. Offenbar ist die Forschungsdirektion in Brüssel heute mehr denn je ängstlich darauf bedacht, der ihr offiziell nicht unterstehenden Direktion von Ispra die entscheidenden Funktionen vorzuenthalten. Wer im Zentrum Ispra Geld für seine Forschungsarbeit braucht, muß nach. Brüssel fahren, um es dort zu erbitten. Im 1000 Kilometer entfernten Brüssel entscheidet eine Kommission über personelle Angelegenheiten und sogar über das berühmte Orgel-Projekt, auf das die Arbeit in Ispra jetzt fast völlig ausgerichtet ist. Kein Wunder, daß man in Ispra darüber empört ist, wenn nun in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, der "Schwarze Peter" für die Mißstände und Schwierigkeiten in Ispra sei dort selbst und bei den "unmittelbar Betroffenen" zu suchen.

Überhaupt steht man in Ispra der jetzt vor allem von Deutschland und den Niederlanden ausgehenden Diskussion mit recht gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits ist man – ohne das offen zuzugeben – glücklich darüber, daß diese Dinge endlich den Weg in die Öffentlichkeit finden und daß damit die Hoffnung auf eine Änderung unter dem Druck der öffentlichen Meinung wächst. Doch andererseits waren die fünf, zum Teil unter recht unerfreulichen Umständen ausgeschiedenen ehemaligen Mitarbeiter, die den ersten Schritt in die Öffentlichkeit taten, wohl doch nicht ganz die richtigen Interessenvertreter. Zumindest enthielten die auf deren Mitteilung beruhenden Presseberichte neben einem wahren Kern auch falsche oder zumindest schiefe Darstellungen, die der Euratom-Zentrale in Brüssel ein Dementi leicht machten. Zudem hat diese Diskussion gerade in Deutschland wieder die alten Ressentiments gegenüber der Europäischen Atomgemeinschaft wach werden lassen, und die gehen einfach am Kern der Dinge vorbei.

Zum Beispiel ist es sicher unsinnig, wenn in Deutschland immer noch das Orgel-Projekt in Bausch und Bogen abgelehnt wird. Die Schwierigkeiten, die bisher vor allem in den USA bei der Verwendung von organischen Flüssigkeiten als Reaktorkühlmittel aufgetreten sind, rechtfertigen es noch nicht, das gleichfalls auf der Verwendung von organischen Substanzen als Kühlmittel basierende, aber in Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit der nuklearen Stromerzeugung sehr vielversprechende Orgel-Konzept gleich zum alten Eisen zu werfen. In der wissenschaftlichen Forschung und technischen Entwicklung kann man nie mit Sicherheit die Ergebnisse einer Arbeit voraussagen, man muß es einfach einmal versuchen, wie das jetzt in Ispra geschieht. Zudem braucht ein so großes Zentrum gerade in seiner Anfangsphase eine umfassende Aufgabe, um zu einem Zusammenspiel der einzelnen Abteilungen, Werkstätten, Laboratorien und Entwicklungsgruppen zu kommen.

Es ist jedoch sträflicher Leichtsinn, wenn sich die Forschungsdirektion in Brüssel jetzt hinter dem Euratom-Ministerrat verschanzt, und sich für Ispra ausschließlich auf das Orgel-Projekt versteift, also praktisch keine anderen Entwicklungen mehr zuläßt. Immerhin könnte sich sehen in absehbarer Zeit herausstellen, daß eine weitere Bearbeitung dieses Projekts sachlich nicht mehr gerechtfertigt ist. Aber selbst wenn sich die kühnsten an dieses Projekt geknüpften Hoffnungen erfüllen und die jetzt laufenden Entwicklungsarbeiten zu einem brauchbaren Kraftwerksreaktor führen, so wird sich das Zentrum Ispra doch spätestens in drei bis vier Jahren von den Orgel-Arbeiten trennen müssen, weil der Bau von großen Leistungsreaktoren beziehungsweise Kernkraftwerken auf keinen Fall mehr zum Euratom-Entwicklungsbereich zählt. Was aber sollen dann die bis dahin etwa 1700 Angehörigen des Zentrums in Ispra machen? Bei der gegenwärtig von der Leitung der gemeinsamen Forschungsstelle in Brüssel, im Euratom-Ministerrat und in der Sechsergemeinschaft ganz allgemein verfolgten Politik hat das Kernforschungszentrum Ispra dann kaum noch eine Chance für die Zukunft! Denn:

Da gibt es einmal die nationalen Kernforschungszentren innerhalb der Sechsergemeinschaft, die einhellig dafür sorgen, daß Ispra nicht an du wirklich zukunftsträchtigen Aufgaben herankommt. Nach den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der Euratom soll in den eigenen Forschungsstätten nicht an Aufgaben gearbeitet werden, die ohnehin schon die nationalen Zentren bearbeiten. So war schon das vom französischen Atomenergiekommissariat bereitwillig Euratom überlassene Orgel-Projekt eine vom Tisch des Herrn gefallene Brotkrume. Bei der aussichtsreichen Entwicklung schneller Brutreaktoren hat sich Euratom zwar durch Assoziierungsverträge in die französischen, deutschen und demnächst auch italienischen Projekte einschalten können, doch Ispra hat man an diese Aufgabe nicht herangelassen, nicht einmal durch die Überlassung gewisser Teilaufgaben.

Zweitens hat der Ministerrat bei den Budgetkürzungen seines am 1. Januar begonnenen zweiten Fünfjahres-Forschungsprogramms das Zentrum Ispra besonders hart herangenommen und damit wenig Sachverständnis für einen wissenschaftlichen Forschungsbetrieb verraten. In einer Arbeitsgruppe in Ispra, die 1962 noch über ein Budget in der Größenordnung von 100 000 Dollar verfügte, stehen in diesem Jahr kaum 20 000 Dollar zur Verfügung, die knapp zur Deckung der Personalkosten reichen. "Man kann sich nicht erst einen Elefanten kaufen und ihn dann auf die Ration eines Meerschweinchens setzen", sagte uns jemand humorvoll, aber recht treffend. An einer anderen Stelle ist der Aufbau einer Arbeitsgruppe auf halbem Weg gestoppt worden, so daß jetzt zwar die Akademiker alle beisammen sind, doch nicht die Laboranten und die sonst in einem Institut notwendigen Hilfskräfte.

Drittens handhabt die Forschungsdirektion in Brüssel die Budgetkürzungen in sehr einseitiger Form. Während alle Entwicklungsarbeiten im Rahmen des Orgel-Projekts im großen und ganzen uneingeschränkt weitergehen, stehen die nicht am Orgel-Projekt beteiligten Arbeitsgruppen förmlich vor dem Nichts, und es bleibt den Leitern dieser Gruppen überlassen, mit Diplomatie und Raffinesse doch noch irgendwo ein Stückchen von dem Orgel-Kuchen zu ergattern. Natürlich geht das nur im begrenzten Rahmen, und es sind effektiv zwei Klassen von Wissenschaftlern und Ingenieuren in Ispra geschaffen worden. Wenn diese Zustände bisher noch nicht zu nennenswerten Kündigungen in Ispra geführt haben, wie man in Brüssel stolz betont, dann nur darum, weil man in den ersten Monaten dieses Jahres noch von dem "Speck" des ersten Forschungsprogramms zehren konnte