Von Thomas Ross

Sofia, im Juni

Revolution ist für uns nicht das Ideologische", sagte mir der bulgarische Altkommunist, ein magerer Mann mit langem, hagerem Gesicht, das ein Bürstenschnurrbart beherrschte. "Revolution ist für uns: daß der Bauer vor zwanzig Jahren auf der nackten Erde schlief, heute aber einen Fuß hoch über dem Boden auf einer Matratze. Wir machen riesige Fortschritte, schneller als manche Sowjetrepublik!" Das letzte sagte er voller Stolz, zugleich aber auch ein bißchen im Verschwörerton.

"Der Vergleich unserer Wirtschaft mit Griechenland oder der Türkei ist schon nicht mehr aktuell", meinte er mit abschätziger Handbewegung.

Seine Äußerungen waren typisch für das heutige Bulgarien – ein Land, in dem der Ehrgeiz eine große Rolle spielt. Die kommunistische Partei, unter der nunmehr unumstrittenen Führung des zweiundfünfzigjährigen Theodor Zhivkov, will mit aller Kraft innerhalb kurzer Zeit aus Bulgarien, in dem bei Kriegsende noch drei Viertel der Bevökerung Bauern waren und nur einige wenige Fabriken standen, einen modernen Industriestaat machen. Nach dem Zwanzigjahrplan, den der Parteitag im vorigen November billigte, soll bis 1980 die Industrieproduktion gegenüber 1960 versiebenfacht, die landwirtschaftliche mehr als verdoppelt werden. Das Sinnbild des bulgarischen Aufbaus ist das Stahlwerk bei Kremikowtzi unweit Sofia, das nächstes Jahr die Erzeugung aufnehmen und bis 1980 nicht weniger als 3,5 Millionen Tonnen produzieren soll. Damit wäre es eines der größten Werke in Europa. Noch muß sich freilich erst erweisen, ob die Erzlager, auf denen es errichtet wurde, tatsächlich so reich und so eisenhaltig sind, wie die offiziellen Sprecher behaupten.

Bulgarien ist erst seit rund 80 Jahren ein selbständiger Staat. Bis dahin hatte es ein halbes Jahrtausend als osmanische Provinz geschichtslos dahingedämmert. Waren die Türken die Weltlichen, so waren die Griechen die kirchlichen und kulturellen Herren des Volkes. Über neun Zehntel der Bulgaren sind orthodox. Die orthodoxe Kirche war stets eine Staatskirche – wer immer auch im Staate die Macht hatte. Das hat sich auch heute nicht geändert. So bietet diese Kirche keinerlei Basis für einen Widerstand. Einen solchen Widerstand vermochte ich – jedenfalls in ernsthaftem Ausmaß – in Bulgarien nicht zu bemerken. Die Unzufriedenheit aller Schattierungen ist etwas anderes.

Den Arbeitern und der überwiegenden Mehrheit der Bauern geht es heute wesentlich besser als früher. Ich kam durch Dörfer, in denen bisweilen fast alle, der brüchigen (wenngleich malerischen) alten Lehm- und Steinhütten durch neue kleine Ziegelhäuser ersetzt waren. Der Boden war früher für viele kleine Bauernhöfe aufgesplittert, die Bewirtschaftungsmethoden waren primitiv – ein Holzpflug und zwei Kühe davor. Die Erträge waren entsprechend niedrig.