Der bisherige Ausscheidungsmodus des Deutschen Fußball Bundes ist ungerecht

Von Walther Weber

Wenn am kommenden Sonnabend um 16 Uhr der Schiedsrichter im Stuttgarter Neckarstadion das letzte deutsche Fußballendspiel zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Dortmund anpfeift, wird hoffentlich auch der Schlußpunkt unter eine der größten Ungerechtigkeiten, die der Sport kennt, gesetzt. Zum fünften Male bei insgesamt zehn Endrunden nach dem Kriege ist das Ergebnis eigentlich irregulär. Fünfmal wurde nämlich ein qualifizierter Teilnehmer auf Grund eines völlig ungerechten Ausscheidungsmodus von der Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft ausgeschaltet. Diesmal war. es der FK Pirmasens, der um die Möglichkeit betrogen wurde, Deutscher Meister zu werden. Die Pirmasenser wollen vor ein ordentliches Gericht gehen, aber gar nicht wegen dieses ungerechten Ausscheidungsverfahrens, sondern weil ihrem glücklicheren Konkurrenten, den "Borussen" aus Neunkirchen (soweit reichte Preußens Arm einstmals!), zwei strafweise aberkannte Punkte auf dem Gnadenwege wieder zuerkannt wurden, was nicht zum Nachteil Dritter geschehen dürfte – so argumentiert jedenfalls der FK Pirmasens. Die Neunkirchener wurden durch die zurückerhaltenen beiden Punkte mit den Pirmasensern "punktgleich", und nun entschied das Torverhältnis. Nur mit einem Vorsprung von einem dreihundertstel Tor, so schrieben die Zeitungen (in Wirklichkeit waren es immerhin drei einhundertstel Tore, also fast das Neunfache) erreichten die schneidigen Borussen den wertvollen zweiten Tabellenplatz vor den Mannen aus Pirmasens und damit die Endrunde der Deutschen Meisterschaft, deren Streitwert diese auf 200 000 DM beziffern. Aber hundertstel Tore kann man nicht schießen, man kann sie nur am grünen Tisch mit Bleistift und Papier oder dem Rechenschieber ermitteln.

Ausgeschieden – obwohl besser

82 : 39 Tore, lautete das Torergebnis des FK Pirmasens aus der letzten Punktspielsaison. Aus dem Verhältnis der geschossenen zu den kassierten Toren ergibt sich mithin eine Torquote von 2,10; bei Neunkirchen hingegen bei 64 : 30 Toren 2,13. Also hatte Neunkirchen ein höheres, angeblich besseres Torverhältnis. Und das, obwohl die Leistungen von Pirmasens besser waren, jedenfalls soweit man es aus den Toren ablesen kann. Denn Pirmasens konnte als Torunterschied (geschossene 82 abzüglich erhaltene 39 Tore) 43 zählbare Erfolge zu seinen Gunsten buchen; Neunkirchen hingegen nur von 34 Treffern. Die Gesamtleistung von Pirmasens nach Toren gerechnet war also um neun Tore besser.

Warum regiert im bundesdeutschen Fußballsport (und in anderen Ländern) bei Punktgleichheit mehrerer Mannschaften der Rechenschieber, obwohl mit seiner Hilfe die Summe aller erzielten Tore und die Summe der hingenommenen Gegentore so verschoben, also geteilt werden, bis nur noch Hundertstel und Tausendstel übrigbleiben? Warum muß es immer wieder zu Ungerechtigkeiten über den Auf- und Abstieg und bei Meisterschaften kommen? Die Antwort ist so einfach wie unvorstellbar: "Weil das Thema seit Jahrzehnten in der gesamten Fußballwelt immer wieder mit dem gleichen Ergebnis diskutiert worden ist und nach Abwägen aller Vor- und Nachteile gegeneinander das Divisionsverfahren den Vorzug verdient." So jedenfalls sprach sinngemäß der um den Fußballsport so verdiente DFB-Präsident Dr. Bauwens auf dem Bundesfußballtag in Karlsruhe im Jahre 1957 und brachte dadurch den Antrag des Südwestverbandes für die Einführung des Subtraktionsverfahrens zu Fall.

Die Begründung des Präsidenten war wenig, überzeugend, denn die Nachteile sind nicht zu übersehen. Bereits einmal, 1938, waren sie so schwerwiegend, die Flut der empörten Leserbriefe an die Sportredaktionen so groß, daß das leidige Divisionsverfahren durch das Subtraktionsverfahren ersetzt wurde und Zufriedenheit und Gerechtigkeit einkehrten. Kaum war jedoch der Zweite Weltkrieg beendet und die ersten Meisterschaften begonnen, wurde ohne Begründung das Divisionsverfahren wieder eingeführt und damit begannen die Ungerechtigkeiten.