STUTTGART (Kleines Haus des Staatstheaters): "Mein Freund Harvey" von Mary Chase

"Ein. Hase namens Lüders" – unter dieser Überschrift besprach Siegfried Melchinger, der neben seiner Professur weiterhin als Starkritiker in der Stuttgarter Zeitung schreibt, die erste Inszenierung des neuen Stuttgarter Schauspieldirektors Karl Vibach. Der ehemalige Schleswiger Intendant hat die Nachfolge von Günther Lüders im Mai angetreten. So stand ihm Lüders selber für die Hauptrolle in "Mein Freund Harvey" von Mary Chase zur Verfügung. Die Handlung dieser bald zwanzig Jahre alten Satire auf die amerikanische Sucht, zum Psychoanalytiker zu laufen, "besitzt eine Spannung,... die darin liegt, daß die Normalen sich allmählich als die armen Irren entpuppen und der arme Irre als der einzige Glückliche". "Hätte es nicht einen an Ionesco geübten Regisseur reizen können, heute gerade die ‚Normalen‘ von damals aufs Korn zu nehmen? Aber Karl Vibach ... zog es vor, reines Lustspiel zu inszenieren... Daß in diesem Stück immer noch mehr steckt, als die Inszenierung wahrhaben wollte, bewies den ganzen Abend lang Günther Lüders..."

ULM (Stadttheater):

"Die neue Mandragora" von Jean Vauthier

Der experimentierfreudige Ulmer Intendant Ulrich Brecht hat einen Rückzug in Raten vollzogen In der Premiere, einer Neufassung der 400 Jahre alten Sittenkomödie. Macchiavellis hatten (nach dem Bericht der Frankfurter Abendpost) "soignierte, ältere Herren in der Tonart des Stücks geschrien: ‚Aufhören mit der Schweinerei! Als dann zwei Stadtratsfraktionen verlangten, "Die neue Mandragora" solle vom Spielplan verschwinden, nahm der Intendant das corpus delicti lediglich aus den Abonnementsvorstellungen heraus. Der Tod. des Papstes Johannes XXIII. bildete aber auch für den künstlerisch Verantwortlichen des Ulmer Theaters einen schicklichen Anlaß, der Bitte wenigstens der CDU-Fraktion nachzukommen: Das Stück wurde ganz und gar abgesetzt. Es sollten keine religiösen Empfindungen mehr verletzt werden (was zu Lebzeiten des Papstes wohl erlaubt war). Ein Mönch ist im Verlaufe der Handlung einem falschen Arzt behilflich, die Tugend einer unbefriedigten Ehefrau zu Fall zu bringen. Indem Ulrich Brecht ein moralisches Zugeständnis machte, erteilte er als Intendant aber gleichzeitig einer anderen Parlamentsfraktion eine selbstherrliche Absage. Die Freie Wählergemeinschaft hatte zwar dasselbe gefordert, hatte es aber falsch begründet, indem sie mit dem Entzug der Theatersubvention drohte. Die in Ulm für Deutschland erstaufgeführte Bearbeitung von dem Franzosen Vauthier blieb bisher unbeanstandet. Ihre Uraufführung war 1952 von keinem geringeren als Gérard Philipe, mit sich selbst in der Hauptrolle inszeniert worden. Freilich in Paris. Doch für die Ulmer Inszenierung Kai Braaks, die "schlank und ballettös angelegt" war, hatte Gustav Rudolf Sellner seinen prominenten, französischen Bühnenbildner Michel Raffaelli aus Berlin eigens freigegeben. Nun mögen Paris und Berlin meditieren über Ulmer Sittlichkeit im Theater. Jac