Von Dietrich Strothmann

Die Einführung eines neuen Schulfaches wie der "Gemeinschaftskunde" muß den Protest der Vertreter des alten hervorrufen. Wer dies als ganz natürlich und nicht sonderlich hassenswert begriffen hat, kann dann den freien Blick auf Argumente richten, Argumente pro und Argumente contra. Die Argumente contra wurden in dieser Zeitung vor Jahresfrist von Professor Jürgen von Kempski (Nr. 7/1962) und in der letzten Ausgabe von Professor Peter Hofstätter vorgetragen. Das stärkste und bedenkenswerteste lautet: Lassen Sie uns um Himmels willen kein Schulfach schaffen, in dem (mal wieder) "Gesinnung" geprüft wird! Dem Autor des folgenden Artikels überwiegen die Argumente pro.

Es ist nicht mehr zu übersehen: wir haben einen neuen Prügelknaben – jenen Gymnasiallehrer, ob noch jung oder schon älter, dem es die Kultusminister schon vor drei Jahren auferlegten, in den beiden oberen Klassen "Gemeinschaftskunde" zu unterrichten. Wie übel wird ihm doch mitgespielt – nicht etwa von den Schülern oder gar den Eltern. Die ihm das Amt verleiden, auf das er verpflichtet ist, sind die Fachhistoriker, die Fachgeographen, die Fachsoziologen.

Seit ruchbar wurde, daß in den Klassen 12 und 13 der Gymnasien die Unterrichtsfächer Geschichte und Geographie im Zuge der "Vereinfachung" zusammengelegt und obendrein noch durch eine sozialwissenschaftliche Unterweisung "aufgeblasen" werden sollten, schallen ihm von allen Seiten Warnungen entgegen: "Wo bleibt da die Geschichte?" – "Die Geographie soll auf diesem kalten Weg wohl ausmanövriert werden?" – "Die Politologen sind drauf und dran, das neue Fach an sich zu reißen!" – "Auch wir, die Sozialwissenschaftler, müssen da unser Wörtchen mitreden!"

Da werden Verdikte ausgesprochen: "Politischer Gesinnungsdrill", "politische Bekenntnisschule", "Ideologisierung des Geschichtsunterrichtes", "Das Aktualitätenkino im Klassenzimmer". Und dazu dann noch die Eifersüchteleien unter den Universitätsprofessoren, die um die hehre Tradition ihres Faches bangen, der Fächeregoismus, dem so manche Studienräte anhängen, die immer lauter werdenden Vorwürfe, wo denn überhaupt die Methoden seien, um den Neunzehnjährigen zum "aktiven Staatsbürger" erziehen zu können ...

Dem Lehrer, der sich da noch zurechtzufinden vermag, der nicht – aus Trübsal oder Verbitterung über solcherlei Geschrei und Getümmel – "alles an den Nagel hängt" und den "alten Trott" weitermacht, gehörte eines Tages ein Denkmal gesetzt.

Das Verquere an der ganzen Sache "Gemeinschaftskunde" ist es gerade, daß es ihm selbst seine Freunde und Befürworter bisher nicht leicht machten. Davon legten erst jüngst wieder vierzig Professoren ein allzu beredtes Zeugnis ab, die sich in Berlin zu einer Arbeitstagung trafen. Sie, die Politologen, Soziologen, Nationalökonomen, Rechtswissenschaftler, Sozialphilosophen und Pädagogen, sollten sich darüber einigen, welche Stellung nun die Sozialwissenschaften zur "Gemeinschaftskunde" einzunehmen hätten.