Ich habe es mir anders überlegt. Ich werde doch einen Roman schreiben. Und eine Idee habe ich auch schon. Eine ganz wunderbare Idee sogar. So originell, so ungewöhnlich. Und soviel Handlung, soviel Spannung. Also um Einfälle bin ich da wirklich nicht verlegen. Bei mir passiert eher zuviel als zuwenig. Und die Kritik wird später sagen: Ebert – das ist noch einer, der eine richtige Geschichte erzählen kann.

Im Mittelpunkt sollte, fand ich, ein junges, frisches, ganz normales Callgirl von heute stehen. Von niederer Herkunft, gerät sie mit jungen Jahren in die feine Gesellschaft und wird dort verdorben. Für die feine Gesellschaft nahm ich mir gleich die allerfeinste, die englische zum Modell. (Warum immer England? Warum nicht mal Deutschland? Meine Antwort: Meine Heldin soll später einen Minister verführen, und ich kann mir kein besseres deutsches Callgirl vorstellen, das sich was aus deutschen Ministern macht.)

Dann gibt es bei mir einen mysteriösen, zwielichtigen Herrn, der skrupellos unbescholtene Mädchen an Herren der besten Kreise verkuppelt.

Ferner: einen hohen Staatsbeamten – möglicherweise kommt auch noch ein Mitglied der königlichen Familie dazu –, sagen wir: einen Heeresminister, der sich in unser Girl sterblich verliebt und ihr eines Tages seine Karriere opfern wird. Ihn stelle ich mir elegant, männlich, attraktiv vor. Dazu seine Gattin. Sagen wir: eine schöne, bekannte Schauspielerin, die alles ahnt, weiß, versteht, verzeiht. Ihr gehört unser ganzes Mitgefühl.

Zu einem Roman dieser Sorte brauche ich noch: Dirnen, Zuhälter, Rauschgift, Unzucht, Orgien, die Unterwelt. Was gehört noch dazu? Spionage! Dazu werde ich einen russischen Marineattache erfinden, der das Bett unserer Heldin nicht nur mit ihr, sondern auch noch mit dem englischen Minister teilt, wenn auch wohl nicht zur selben Zeit.

Nun wird es ganz toll und unglaubwürdig: Mein hoher englischer Staatsbeamter, der jetzt in eine finstere Spionageaffäre gerät, ist nämlich sonst ganz normal veranlagt, wenn auch von italienischer Abstammung. In einem Kapitel meines Romans, der durchaus als Ehrenrettung englischer Männlichkeit gedacht ist, werde ich noch schildern, wie man sich beim sowjetischen Geheimdienst auf diese völlig unerwartete Sachlage umstellen muß und sowjetische Englandagenten umgeschult werden. Wenn die jetzt wieder einen englischen Diplomaten mit einer Frau in einer verfänglichen Situation und dazu womöglich noch in unbekleidetem Zustand, ertappen, muß das durchaus nicht mehr platonisch und harmlos sein.

Nachdem ich mir so eine prächtige Staffage für mein Werk errichtet habe, schreibt sich das fast von selbst. Wenn ich mir nur von allen Möglichkeiten immer die unwahrscheinlichste wähle, kann es nur gut werden. Der Minister aus der großen Welt und die Dame aus der Halbwelt treffen sich, wie das heute so üblich ist, an einem Swimming-pool. Natürlich nachts. Es handelt sich um Liebe auf den ersten Tauchversuch. Aber mein Minister hat Rivalen. Fünf an der Zahl. Zum Beispiel einen vorbestraften Westinder. Der schießt aus Liebe auf sie. Dann noch einen vorbestraften Westinder. Der prügelt sie. Es geht recht farbig zu in meinem Roman, der außerdem zeigt, daß meine Heldin keine Rassenvorurteile kennt. Ja, und dann eben den sowjetischen Marineattaché. Was wiederum beweist, daß die Russen. gar nicht so prüde sind, wenn es um englische Callgirls geht.