Von Alfred Prokesch

Nicht nur Wien, ganz Europa hallt heute von der Diskussion um Wesen und Wert der Großstadt wider. Kommunalwissenschaft und Kommunalpraxis bemühen sich verzweifelt darum, Lösungen sub specie aeternitatis und nicht bloß für den Augenblick zu finden. Mit wenig Erfolg: dank einem Übermaß an Güterproduktion, das zwei Weltkriege mit ihrem Übermaß an Ungüterproduktion nicht vernichten konnten, scheint die moderne industrielle Großstadt, die Quelle dieses Güterübermaßes, allenthalben aus den Fugen zu gehen.

Und wie immer, wenn es Menschen schaudert, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, nimmt man Zuflucht zu einer romantisch verklärten Ersatzwirklichkeit. Da die Erschütterung der Stadt offenbar eine Folge ihrer übermäßigen Ausdehnung ist, glaubt man diese Ausdehnung verhindern, die Stadt womöglich rückentwickeln und auflösen zu können – so zumindest seit fast hundert Jahren das Dogma der europäischen, speziell der mitteleuropäischen Städtebaulehre. Und dennoch haben sich die Städte ausgedehnt, dennoch sind sie, wenn man den Klageliedern glauben darf, immer chaotischer geworden – ungehindert von einem Städtebau, der seine Vorbilder in der Vergangenheit, im Biedermeier, im Barock, sogar in den Zunftstädten vor dem Dreißigjährigen Krieg suchte und heute in seiner chronischen Abneigung gegen die Zukunft in absolutem Gegensatz zur gesamteuropäischen Haltung auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet steht. Denn Europa lebt heute nicht mehr, wie die Antike, zeitlos, sondern bewußt in der fortschreitenden Zeitkategorie der Zukunft, die man als vierte Dimension des Lebensraumes längst entdeckt hat.

Nur langsam beginnt neben dieser negativen Haltung der Großstadt gegenüber auch das Gegenteil der konservativen Städtebautheorie Boden zu gewinnen: das Bewußtsein, daß man die Entwicklung der Stadt nicht bremsen, nicht stoppen, nicht umkehren kann, sondern fortsetzen und konsequent zu Ende führen muß. Seien wir mutig: eine Menschheit, die sich vor dem Weltraum nicht fürchtet, darf sie sich vor dem Stadtraum fürchten?

Das sechste Wiener Europagespräch (es führte den Titel "Die europäische Großstadt – Licht und Irrlicht") stand schon gemäß seinem Motto mehr auf seiten der konservativen Städtebautheorie. Diese Theorie hat ihre letzte Ausprägung in dem Buch "Die aufgelockerte und gegliederte Stadt" des Wiener Stadtplaners Roland Rainer gefunden – für Wien vorläufig eine Art städtebaulicher Bibel. Die Vertreter unromantischen Städtebaues hingegen, wie die Architekten Rudolf Hillebrecht (Hannover), Herbert Jensen (Kiel), Josef Umlauf (Direktor des Ruhrsiedlungsverbandes) oder der Soziologe Barth, kamen an der Donau nicht zu Wort.

So mußten die Präludien des Kongresses monotone Tristien städtebaulicher Klageweiber sein, mußten Molltöne die Reden so lange begleiten, bis der Franzose Jean Fourastié, Paris, seine berühmte These von der unaufhaltsamen Bewicklung der Volkswirtschaft zum "tertiären Sektor", dem Dienstleistungssektor hin, in den Saal schleuderte. Seine Worte, obschon charmant serviert, waren auf diesem Kongreß von Wirtschaftslosen für Wirtschaftslose wie schneidende Trompetenstöße in monddurchglänzter Zaubeinacht. Zwar sichtlich bemüht, seine Zuhörer, denen Städtebau nicht Wirtschaftsbau, sondern formales Ereignis ist, nicht zu verstimmen, machte er als echter Romane dennoch kein Hehl daraus, daß für ihn eine Stadt so wie eine Nation das ist, was man täglich neu schafft, und nicht das, was man ist. Die Großstadt mit ihrem ständigen Zustrom ist ihm tägliches Plebiszit. Fourastié bejaht die Geschichte, aber sie kann ihm mit ihren überholten wirtschaftlichen Grundlagen (80 Prozent Landwirtschaft, 20 Prozent Dienstleistung plus Industrie) nicht Modell für eine Gesellschaft sein, deren Zukunft er nur zu 20 Prozent in Landwirtschaft und Industrie, zu 80 Prozent aber in der Dienstleistungsbeschäftigung sieht. Und er kann deshalb in die Klagelieder von der bösen Großstadt nicht einstimmen.

Ebensowenig können das übrigens die Soziologen. Sie haben die romantische Vorstellung von der Idealstadt, die sich nach der herkömmlichen Lehre aus Nachbarschaften zusammensetzen soll, gründlich korrigiert. Ihre Untersuchungen beweisen, daß es diese Nachbarschaft als gemeinschaftsbildende Einheit in der Großstadt gar nicht gibt. Der Großstädter liebt die Gemeinschaft auf Distanz, und nicht die Zwangsgemeinschaft unmittelbaren Kontakts, die er als Tyrannei der Nachbarschaft empfindet. Das ist auch der Grund, warum sich die Drei-Generationen-Familie in der Großstadt durchaus erhalten hat, natürlich nicht örtlich vereint wie unter ländlichen Verhältnissen, sondern unter Wahrung der "Intimität auf Abstand".