Für den dritten Abend stand ich vor der Wahl: "Richard II." von Shakespeare oder eine deutschsprachige Erstaufführung von Victor Hugo.

Es war nicht Novitätensucht, die mich zu "Tausend Francs Belohnung" trieb. Häußermanns Intendanz ist außer durch Ensemblebildung für das Burgtheater durch zwei andere, mehr dramaturgische Merkmale gekennzeichnet. Eine Zeitlang war er hinter deutschsprachigen Erstaufführungen ausländischer Autoren her. Gemeinsam mit dem Zürcher Schauspielhaus hat diese Praxis bewirkt, daß die sogenannten deutschen Erstaufführungen vorher schon in Wien oder Zürich zu sehen gewesen waren. Der zweite Punkt dramaturgischer Kontinuität sind die Zyklen des Burgtheaters: Neben Sellners Inszenierungen griechischer Tragödien läuft über Jahre eine Reihe von Shakespeare-Aufführungen unter der Regie von Leopold Lindtberg.

Ich ging ins "Theater an der Wien" zu der deutschsprachigen Erstaufführung. In diesem Festwochenjuwel, dem prächtig renovierten, geschichtsreichen Hause, das beinahe in eine Großgarage verwandelt worden wäre, zeigte das Burgtheater seinen Victor Hugo zuerst. Danach siedeln "Tausend Francs Belohnung" in das Kleine Haus, ins Akademietheater, über.

Das Stück – oder was davon in Wien gespielt wurde – lohnt die Auseinandersetzung kaum. Es ist fast hundert Jahre alt, wurde jedoch erst vor zwei Jahren durch ein französisches Städtebundtheater, die Comédie de l’Est, uraufgeführt. Eine deutsche Bearbeitung von Herbert Kreppel ist durch den Regisseur Axel von Ambesser abermals "für das Burgtheater bearbeitet und eingerichtet" worden. Auch ohne daß er das Original kennt, wird dem Zuschauer bald klar: Diese angebliche "Pariser Groteske" ist weniger ein Stück von Victor Hugo als eine Ambesseriade mit Boy Gobert als Hauptdarsteller und mit Axel von Ambesser als Gegenspieler – eine Wiener Spezialität also.

Die Hauptfigur, der ehemals "feurige Jakobiner und republikanische Freiwillige" Major Gedouard, verbirgt sich in royalistischen Zeitläuften (1820) als Musiklehrer hinter einem italienischen Namen. In der Wiener Bearbeitung wurde er zur komischen Figur, die Hermann Thimig mimen mußte. Seiner Familie werden die Möbel gepfändet. Den royalistisch gesinnten Schweinehund, der das alles betreibt und ein junges Mädchen als Frau zu gewinnen hofft, spielt also Axel von Ambesser. Ernst Anders ist der reiche Geschäftsmann, der schließlich die verlorene Geliebte und deren (seine) Tochter wiederfindet.

Der gute Geist dieser possenhaften Moritat ist ein Clochard. Von Edelmut triefend und mit schurkischen Mitteln der Gerechtigkeit gegen das Recht dienend, bringt er schließlich alles ins Lot. Heinz Rühmann sollte diesen Landstreicher Glapieu in Wien spielen. Da Rühmann dem Burgtheater vorerst untreu geworden ist, fiel die Rolle an Boy Gobert.

Ablauf und Aufnahme der dünnen Bühnenhandlung waren aufschlußreich. Das Premierenpublikum nahm jede Gelegenheit zum Lachen wahr. Rührend, welche Kalauer da noch goutiert wurden. Glücklicherweise zieht die Handlung im zweiten Teil ein wenig an. So kam dann doch noch ein runder Erfolg heraus. Der Burgtheaterdirektor, der diese hochgezwirbelte Lustbarkeit als Experiment ansah, konnte seinen leichten Zweifel für sich behalten.