G. Z., Frankfurt

Für ihre erste Sitzung nach der Neuwahl hatten sich die Vorsitzenden des Deutschen Tierschutzbundes eigentlich vorgenommen, gründlich über die Stiftung eines Forschungs-Preises zu beraten. Die Veterinärmediziner sollten auf diese Weise zur wissenschaftlichen Bearbeitung von Tierschutzfragen angeregt werden. Eine Meldung jedoch, die wenige Tage zuvor durch die Zeitungen gegangen war, zwang die Preisstifter, einen neuen Tagesordnungspunkt aufzunehmen: Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen den Vorsitzenden der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Tierschutzverbände“, Bruno Schulze. Das Gericht soll ihm untersagen, weiterhin zu verbreiten, die zwei Vizepräsidenten des Deutschen Tierschutzbundes hätten aus Protest gegen den Verbandspräsidenten ihre Ämter niedergelegt. Sie hätten es deshalb getan, weil der Tierschutzpräsident Dr.Hermann Stolting, Rechtsanwalt in Frankfurt, die Verteidigung eines KZ-Mörders übernommen habe.

Nun war dieses Thema den Herren, die sich am vergangenen Wochenende in der Wohnung des Präsidenten in der Frankfurter Cronstettenstraße 13 versammelt hatten, durchaus nicht neu. Darüber war bereits Ende Mai bei der Jahreshauptversammlung anläßlich des 2. Deutschen Tierschutzkongresses in Wiesbaden heftig diskutiert worden. Einer der früheren Vizepräsidenten, Dr. med vet. Korkhaus, der nach der vom Verband beanstandeten Meldung jetzt seinen Posten aufgegeben haben soll, hatte wenige Tage vor dem Wiesbadener Kongreß einen Rundbrief „An die Damen und Herren des Gesamtvorstandes des Deutschen Tierschutzbundes“ verschickt und darin mit Nachdruck Bedenken dagegen erhoben, daß der Vorsitzende eines Tierschutzverbandes den ehemaligen Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz vor Gericht verteidigen wolle.

Tatsächlich war Dr. Stolting – allerdings schon ein Jahr zuvor – vom Gericht als Verteidiger für den KZ-Kommandanten Richard Baer bestellt worden. Baer ist inzwischen in der Untersuchungshaft gestorben. Damals lebte er noch, und Dr. med. vet. Korkhaus ließ die Empfänger seines Briefes wissen, daß er es für unmöglich halte, wenn der oberste Tierschützer einen Massenmörder verteidige. „Der Deutsche Tierschutzbund ist eine humanitäre Institution. Da wirkt es schon jetzt wie eine Bombe, daß ausgerechnet in diesem Massenmordprozeß der erste Tierschützer unseres Landes, der Präsident unseres Bundes, als Verteidiger auftreten will.“ Er machte sich Sorgen, daß man in der Öffentlichkeit „an der politischen Neutralität des Tierschutzbundes zweifeln“ könne. „Zu Angriffen auf den deutschen Tierschutz ist es dann nur noch ein Schritt“, befürchtete Korkhaus.

Nun wäre diese Angelegenheit für den Deutschen Tierschutzbund schon lange erledigt, denn bei der Jahreshauptversammlung in Wiesbaden konnte sich Dr. Korkhaus nicht durchsetzen. Die Debattenredner waren der Ansicht, ein Rechtsanwalt könne die Verteidigung eines Angeklagten nicht ablehnen und müsse von Berufs wegen jeden verteidigen, der seiner Hilfe vor Gericht bedarf. Auch hohe Richter beteiligten sich an der Diskussion und bestätigten, daß ein Anwalt sich dieser Verpflichtung nicht entziehen könne; genausowenig wie ein Geistlicher oder ein Arzt sich dem Hilfeersuchen eines Verbrechers verschließen könne. Die Ehrenpräsidentin des Tierschutzvereines Berlin, Erna Graff, selbst Opfer des Naziregimes, hielt Korkhaus entgegen: „Auch der KZ-Verbrecher hat ein Recht auf ordnungsgemäße Verteidigung.“ Diesem Votum beugte sich dann auch der Kritiker Korkhaus und erklärte schließlich in Wiesbaden: „Mir liegt daran, daß die Einheit des Verbandes auch unter Dr. Stolting gewahrt bleibt.“ Er beuge sich selbstverständlich einer Mehrheitsentscheidurg. Der Frankfurter Anwalt wurde schließlich bei nur wenigen Stimmenthaltungen zum Präsidenten gewählt.

Um so unbegreiflicher ist es heute den Mitgliedern des Präsidiums, daß diese Auseinandersetzung noch einmal – einen Monat später – durch eine „Zweckmeldung“ hochgespielt worden ist. „Außerdem ist die Nachricht objektiv falsch. Jene beiden Herren, die angeblich aus Protest gegen Präsident Stolting ihre Vizepräsidentenposten zur Verfügung gestellt haben seilen, amtieren schon seit geraumer Zeit nicht mehr.“ Obwohl es im Präsidium nicht an Fachleuten fehlt – ein Strafverteidiger als Präsident und der Braunschweiger Polizeichef Brasse als Vizepräsident –, ist es aber noch immer ein Geheimnis, wie jener interne Brief des Dr. Korkhaus an die Öffentlichkeit gelangte. Die einzige, wenn auch flüchtige Spur führt zu der Verlautbarung der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Tierschutzverbände“, die ein wörtliches Zitat aus dem Korkhaus-Brief enthält.

Diese Arbeitsgemeinschaft, deren Vorsitzender Bruno Schulze ist, umfaßt nur einige wenige Klein-Vereine. Während der Deutsche Tierschutzbund mit etwa 400 Vereinen und rund 300 000 Mitgliedern etwa 90 Prozent der organisierten Tierliebhaber vereinigt, ist die „Arbeitsgemeinschaft“ des Bruno Schulze nur eine Splittergruppe. „Katzen-Schulze“, in Fachkreisen so genannt als Vorsitzender des Berliner Katzenschutzvereins und Herausgeber des Verbandsorgans Unsere Katze – so vermuten Kenner der Tierschutz-Vereinsinterna – sei in den Besitz jenes Rundschreibens des Dr. Korkhaus gelangt. „Wir lassen das nicht auf sich beruhen“, versichern entschlossen die Tierschützer. Vielleicht wird ein Verfahren gegen „Katzen-Schulze“ nun Hinweise auf „undichte Stellen“ im eigenen Verband bringen.