Vom Reichssicherheitshauptamt zu Gehlens Nachrichtendienst: Spione für Moskau

Karlsruhe

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe ist wieder einmal Schauplatz eines Spionageprozesses. Angeklagt sind der Regierungsrat im Bundesnachrichtendienst (BND) Heinz Felfe, der Mitarbeiter im BND Hans Clemens und der Rechtsanwalt Erwin Tiebel. Sie waren Nachkriegsdeutschlands erfolgreichste Doppelagenten. Ihr gerader Weg führte von der SS über das Reichssicherheitshauptamt zum Bundesnachrichtendienst Gehlens und zur Sowjetspionage. 12 Jahre lang haben sie die bundesdeutsche Abwehr an der Nase herumgeführt und einen Schaden angerichtet, dessen Höhe heute noch nicht abzusehen ist.

Sowohl die Gehlen-Leute als auch die Sowjets wußten es von vornherein, mit wem sie es bei Felfe und Clemens zu tun hatten. Nur wußten, die Russen es früher, denn ihnen waren 1944 in Dresden alle Personalakten der sächsischen Hauptaußenstelle des Sicherheitsdienstes (SD) in die Hände gefallen. Fein säuberlich waren da auch die Laufbahnen mit allen Zeugnissen und Beurteilungen von zwei SS-Leuten registriert, die es bei Kriegsende immerhin bis zum SS-Obersturmführer (Heinz Felfe) und zum SS-Hauptsturmführer (Hans Clemens) gebracht hatten. Hinzu kam der „ehrenamtliche Mitarbeiter“ im Reichssicherheitshauptamt, Erwin Tiebel. Alle drei stammten aus Dresden.

Im Jahre 1946 hatte sich Heinz Felfe seine Entlassungspapiere aus kanadischer Kriegsgefangenschaft für die Bundesrepublik ausstellen lassen, weil er hoffte, in den Polizeidienst übernommen zu werden. Als ihm das nicht gelang, reagierte der ehemalige SS-Führer, dem eine große Karriere im SD prophezeit worden war, auf alles „sauer“, was mit der Bundesrepublik Deutschland zusammenhing. Die Sowjets, die ihn im Herbst 1951 bei einem Besuch seiner Mutter in Dresden „ansprachen“, schienen genau verfolgt zu haben, wie ihm die bundesdeutsche Polizei die kalte Schulter gezeigt hatte. Sie fanden anscheinend auch nichts dabei, daß Felfe im Gesamtdeutschen Ministerium an Stellen „mitmachte“, die für die Spionage nicht gerade „ergiebig“ waren. Es schien sie auch durchaus nicht zu stören, daß dieser Mann nebenbei „Kommunisten-Abklärung“ für den Secret Service betrieben hatte. Sie fischten ihn vielmehr aus der Masse der kleinen „Zuträger“, in die er untergetaucht war, mit sicherem Griff heraus, um ihn langsam und sorgfältig „aufzubauen“.

Für 200 000 Mark

So kam es doch noch zu der Karriere des Heinz Felfe. Der sowjetische Nachrichtendienst ließ es sich einiges kosten. Allein Felfe soll 175 000 bis 200 000 DM erhalten haben. Das will bei den Russen etwas heißen, denn erfahrungsgemäß bezahlen sie ihre „Agenten aus dem kapitalistischen Lager“ nur in der ersten Zeit gut. Später versuchen sie es meist mit Erpressung – und haben damit erstaunlichen Erfolg. Nun, bei Felfe war es anders, aus ihm sollte, nach dem Willen Moskaus, ein „Meisteragent“ werden. Der Prozeß in Karlsruhe wird es beweisen: Heinz Felfe wurde tatsächlich zu einem der erfolgreichsten Doppelagenten nach dem Kriege in Deutschland. Er ist auch die Schlüsselfigur der Spionentruppe Felfe–Clemens–Tiebel.