Von Gottfried Sello

Jemand hat in den graphischen Sammlungen des Düsseldorfer Kunstmuseums – 70 000 Blätter, ein Mausoleum, ein Massengrab der Talente – herumgestöbert und ein Genie ausgegraben. Theodor Mintrop, es ist keine Schande, den Namen nicht zu kennen. Er war einmal oder gilt einmal als das Wunderkind der Romantik, als „ländlicher Raffael“.

Seine Bilder ruhen, soweit noch vorhanden, in den Magazinen rheinischer Museen, liebliche Madonnen und Engelreigen, Bilder eines akademisch geschulten, abgeschliffenen Spätnazareners und freundliches Genre, Biedermeiers „Maibowle“, nichts geht über Gemütlichkeit, Düsseldorfer Malkasten um die Jahrhundertmitte. Ein Maler mittlerer Güte, gestorben und vergessen.

Für seine Zeichnungen hat sich kein Mensch interessiert, sie fanden sich haufenweise in seinen Nachlaß (Mintrop ist 1870 gestorben, das Wunderkind ist nur 56 geworden, die letzten Jahre hat er krank gelegen). Man nahm sie und wertete sie als Entwürfe, Studienblätter für Gemälde urd Wandmalereien, und wenn man sie heute sieht, glaubt man zu träumen, der Zeichner Mintrcp ist nicht nazarenisch oder biedermeierlich oder spätromantisch, sondern schlechthin genial. Irgend etwas in diesem Leben muß schief gelaufen sein, irgendein glücklicher Zufall ist nicht eingetreten, der den Maler auf das Niveau des Zeichners gebracht hätte.

Wäre Mintrop nach Rom gekommen, wenn er dem Hans von Marées in die Arme gelaufen wäre oder wenn er wenigstens einen Konrad Fiedler getroffen hätte, irgendeinen, der ihn aus den Fängen der Akademie und der Konvention herausgeholt und ihm den Mut zu sich selber gegeben hätte – die Kunstgeschichte wäre um einen großen Namen reicher.

Sein Leben, insonderheit die Episode, wie das Wunderkind entdeckt wurde, könnte Vasari erfunden und beschrieben haben. Man denkt an die wundersame Künstleranekdote, wie Cimabue aufs Dorf ging und den Hirtenknaben fand, der Figuren in den Sand zeichnete und Giotto hieß. Theodor war der Sohn eines Bauern, das dritte von vierzehn Kindern, auf dem Hof Barkhoven in Heidhausen bei Werden an der Ruhr. Ein Bauernjunge, der sich von den andern Bauernjungen dadurch unterschied, daß er die Wände des väterlichen Hofs und die Scheunentore bemalte. Ein Künstler? Niemand hätte gewußt, was das ist. Ein komischer Knabe, laßt ihn nur.

Es geschah aber in seinem dreißigsten Jahr, daß ein Fremder nach Barkhoven kam, nicht Cimabue, sondern der Düsseldorfer Maler Eduard Geselschap und sich ob der Kritzeleien und Malereien verwunderte. Geselschap war es, der den ländlichen Raffael nach Düsseldorf und auf die Akademie beförderte – man kann sich vorstellen, was alles an Überredungskunst, Zuspruch, Energie dem Vater, der Familie, dem Dorf gegenüber aufgeboten werden mußte.