Berlin, im Juli

Bewegte Klage über Bonn führte Walter Ulbricht in der vergangenen Woche auf einer Kundgebung zum Chruschtschow-Besuch. Er beschwerte sich über das Verfahren im Interzonenhandel und bezeichnete die bundesrepublikanische Intervention am Ballhausplatz, um eine Luftverkehrsverbindung zwischen Ostberlin und Wien zu unterbinden, als einen „Akt des kalten Krieges“. Er fügte hinzu: „Wenn die Regierung in Bonn glaubt, daß die DDR all das auf die Dauer hinnehmen wird, dann gibt sie sich einer Illusion hin.“

In Ulbrichts rätselhafte Worte brachte Chruschtschow dann einiges Licht. Der Sowjetpremier und Geburtstagsgratulant sprach vom Wirtschaftswunder in der DDR, von der ökonomischen Bedeutung des Pankower Staates für den gesamten Ostblock und meinte: „Deshalb werden die gestörten Wirtschaftsbeziehungen der DDR mit Westdeutschland nicht nur vollständig durch die Zusammenarbeit mit den sozialistischen Ländern kompensiert, sondern die Wirtschaft der DDR wird auch unerschöpfliche Rohstoffe und industrielle Reserven und Möglichkeiten für neue großartige Erfolge erhalten.“

Der SED-Staat soll also seine Wirtschaft mehr noch als bisher auf die Staaten des Ostblocks umorientieren. Das soll schrittweise und lautlos vor ich gehen, nicht wie nach der vorübergehenden Kündigung des Interzonenhandelsabkommens durch die Bundesrepublik. Damals hatten die DDR-Behörden eine Aktion aufgezogen, die unter dem Motto „Störfreimachung“ lief und alle Betriebe aufforderte, ihren Einfuhrbedarf aus Westdeutschland einzuschränken oder bundesrepublikanische Erzeugnisse durch eigene Neuentwicklungen zu ersetzen. Die Aktion „Störfreimachung“ verlief bald im Sande, wenn sie auch einige Erfolge erzielte.

An ihre Stelle tritt nun die Aktion Umorientierung von West nach Ost.“ Auf diese Weise will Pankow dem Junktim zwischen Interzonenhandel und Berlin-Verkehr entgehen. Die Frage ist nur, ob die Sowjetunion überhaupt in der Lage ist, die bundesdeutschen Lieferungen zu ersetzen.

Im Jahre 1962 bestanden 35,7 Prozent aller Lieferungen der Bundesrepublik im Interzonenhandel aus Eisen und Stahl; 1961 waren es 35,1 Prozent, 1960 nur 25,9 Prozent. Damals bezog Ostberlin fast ausschließlich Massenstahl der Fabrikationsstufe eins und veredelte ihn selbst. Inzwischen wurde die Stahlindustrie durch Investitionen so erweitert, daß der Bedarf an Rohmaterial gestiegen ist. Dagegen ist im Maschinenbau der Import von 1960 bis 1962 von 15 Prozent auf 10,3 Prozent zurückgegangen. 7,2 Prozent entfielen 1962 auf Chemieerzeugnisse, 5,7 Prozent auf Ruhrkohle und Ferngas, 20 Prozent auf Nahrungsmittel, hauptsächlich Fleisch, Fisch und Öle.

Mehr als drei Viertel aller bundesdeutschen Lieferungen bestehen also aus Gütern des ständigen, langfristigen Bedarfs, auf die in absehbarer Zeit die Zonenwirtschaft nicht verzichten kann. Die Sowjetunion dagegen liefert vorwiegend Getreide, Kohle, Mineralöl und pflanzliche Öle sowie bestimmte Maschinen, Fahrzeuge und Traktoren – aber nur aus jenen Fabrikationszweigen, bei denen es eine Massenproduktion gibt. Ulbricht hat daher vorläufig wenig Aussicht, den Interzonenhandel durch Lieferungen aus der Sowjetunion zu ersetzen. René Bayer