Genau besehen, entpuppt sich "Ein Engel kommt nach Babylon" als ein Stück modernen "Welttheaters". Im Gewande eines Märchens von arabischer Fabulierlust wird eine Weltschau entrollt, in der Gott und Teufel, Himmel und Erde miteinander um den Menschen ringen. In der Gestalt des Bettlers Akki richtete Dürrenmatt nicht nur ein Symbol auf. Ihm gelang ein Mensch, der mit Geist, Witz und Tapferkeit des Herzens das Glück der Einfalt auf dieser gefährlichen Erde verteidigt.

Sein Gegenspieler Nebukadnezar (austauschbar gegen Nimrod), der im totalen Staat die Bettler als die unbotmäßigen einzelnen ausrottet, übersteigert sich zu einer Gestalt von mephistophelisch-luziferischem Empörertrotz. Der Turmbau zu Babel soll das himmelstürmende Bollwerk eines Menschenkönigs werden, der sein will wie Gott.

Diese dramatisch geradlinige Antithese wird durch eine ironische Paraphrase der Gnade ergänzt. Nicht nur das Geschenk himmlischer Gnade, das Mädchen Kurrubi, verliebt sich, kaum auf der Erde angekommen, in den falschen Menschen, in den König, der sich als Bettler verstellte. Auch "der Engel" selber, der das auf Gottes. Hand erschaffene Mädchen zu den Irdischen bringt, ist eine durch und durch ironisch angelegte Figur. Er preist und preist die Schöpfung und schwärmt, wie hochinteressant für ihn, den Ewigen, die Erde sei. Aber für die enttäuschenden Erfahrungen Kurrubis hat er kein Ohr mehr. Der Himmel wirft die Geschenke seiner Gnade wahllos unter die Menschen.

Die Welttheater-Konzeption eines religiösen Dichters, der Dürrenmatt selbst auf dem Grunde seiner fratzenhaften Weltspiegelungen bleibt, sollte in der Hersfelder Stiftsruine wohl zu verwirklichen sein. William Dieterle sah als Regisseur das Stück freilich zu eng. Szenisch machte er nach Entwürfen von Heinz Ludwig zuviel Pappmache-Theater.

Dem Gegenspieler Nebukadnezar gestand er nicht den dämonischen Rang des Erzempörers zu. Udo Vioff, ein Intellektschauspieler, der in Darmstadt Figuren aufschlußreich darzustellen wußte, war von Anfang an auf Manierismen festgelegt. Eine Fehlbesetzung aus falscher Rollensicht.

Auch Hannsgeorg Laubenthal, der Engel, dem man am Anfang erwartungsvoll zugehört hatte, geriet in Wortgeklingel. Als französischer König in Anouilhs "Becket" hatte Laubenthal abermals gezeigt, daß er mehr als ein vorzüglicher Sprecher ist, daß er eine Rolle auch scharf zu charakterisieren versteht. Doch die latente Ironie der Engelsfigur durfte er anscheinend nicht deutlicher machen.

So lag die ganze Last des Abends auf den breiten Schultern von Hans Dieter Zeidler. Er war als Bettler Akki großartig. Zeidler spielte schnellen Witz sicher aus. Er verfügte über die große Geste, die noch die gefährlichste Bedrohung wegwischte.