Zum Streit über das Ausdauertraining

Von Adolf Metzner

Bis zu den Olympischen Sommerspielen in Tokio sind es noch 15 Monate. Eine kurze Zeit. Zieht man heute eine Bilanz und wägt die Chancen des bundesdeutschen Sports im Oktober nächsten Jahres im Lande Nippons ab, so ist das Bild betrüblich. Sogar in der Leichtathletik, in der wir in Rom noch so erfolgreich waren, scheinen uns die anderen immer mehr davonzulaufen. Trotz des schönen Sieges im Länderkampf der Sechs, wird der Kampf gegen die USA am Monatsende in Hannover wohl schlagartig zeigen, wie sehr wir schon zurückgefallen sind. Zu allem Überfluß ist nun auch noch eine öffentliche Kontroverse über das richtige oder falsche Lauftraining entbrannt, und das, wie gesagt, ganze 15 Monate vor den Olympischen Spielen. Dabei haben wir doch ein Gremium mit dem etwas umständlichen Namen „Ausschuß zur wissenschaftlichen und methodischen Förderung des Leistungssports“, das doch einheitliche Trainingsauffassungen herbeiführen soll.

Aber gerade dieser Ausschuß, in dem einige prominente Sportmediziner sitzen und der von manchen als eine Art deutsche Geheimwaffe für den olympischen Kampf angesehen wurde, hat bisher nicht immer glücklich operiert. Es wurde ein Gegensatz zwischen den Professoren der Medizin und den Sportpraktikern sichtbar. Zuerst mußte sich Herberger vom Vorsitzenden des Ausschusses, Prof. Dr. Nöcker, sagen lassen, daß er vom Konditionstraining wenig verstände. Das hört man nicht so gern, wenn man selbst eine Mannschaft zur Weltmeisterschaft geführt hat. Und nun ist zwischen so bekannten Trainern wie Herbert Schade, Hans Raff, Arthur Lambert, Heinz Schlundt, Dr. von Aaken und anderen der offene Krieg mit Professor Reindell ausgebrochen. In einem gemeinsamen Schreiben an Dr. Danz, den Vorsitzenden des Leichtathletikverbandes, haben die Trainer mitgeteilt, daß sie ihre Schützlinge nicht mehr zu den vorgesehenen Untersuchungen nach Freiburg schicken würden, weil diese dort mit Trainingsmethoden „infiziert“ würden, die denjenigen ihrer Lehrer geradezu entgegenstünden. Die Trainer haben darüber hinaus dem Deutschen Leichtathletikverband vorgeworfen, daß er „kostspielige Tagungen und Kongresse abhalte, auf denen immer wieder sattsam bekannte Referate und dogmatische Meinungen, scheinbar wissenschaftlich gestützt, erscheinen und eine offene Aussprache über Trainingsmethoden und individuelle Betreuung der einzelnen Kandidaten unmöglich

„Freiburger Training“ umstritten

Das sind harte Worte. Gemeint ist das „Freiburger Training“, das schon einmal, 1956, nach Melbourne, von zahlreichen Trainern scharf kritisiert wurde. „Wir haben leider zahlreiche Beispiele vor Augen, daß hoffnungsvolle Talente nach Freiburger Ratschlägen in ihren Leistungen abfielen und schließlich der Leichtathletik verlorengingen“, heißt es weiter in dem Schreiben der Trainer an Dr. Danz.

Professor Reindell und sein Schüler Dr. Roskamm haben nun in der „Welt“ unter der Überschrift „Sinn oder Unsinn moderner Trainingsmethoden“ das Freiburger Training verteidigt. In dem Artikel wurde besonders betont, daß die physiologischen Grundlagen dieser Trainingsmethode experimentell in der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg untersucht wurden.