Kronach/Oberfranken

Ein Hochzeitszug verließ die evangelische Kirche in Kleintettau, zog langsam durch das Dorf, überschritt nach einigen hundert Metern die Zonengrenze, betrat ein Haus auf DDR-Gebiet und hub dortselbst an, das Ereignis kräftig zu feiern. Kein Volkspolizist ließ sich sehen.

Kleintettau liegt im Landkreis Kronach, hart an Thüringen. Niemand weiß mehr, wann die Steine gesetzt wurden, die die beiden Länder säuberlich scheiden; vielleicht unter Wilhelm II., vielleicht unter Bismarck, vielleicht noch früher. Die Steine waren schon immer da, sagen die Kleintettauer.

Die Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen verläuft, wie Grenzen nun einmal zu verlaufen pflegen, durch Wälder und Felder und Wiesen, mitunter schön gerade, mitunter in Schwüngen. Nur dort, wo Kleintettau steht, passiert etwas Merkwürdiges. Die Grenze, knapp einen Kilometer von Kleintettau entfernt, winkelt jäh ab, läuft genau auf den bayrischen Ort zu, schneidet drei Häuser heraus und zieht sich wieder zurück. Sie hat einen Blinddarm bekommen.

Der Boden in dem schmalen Schlauch ist sumpfig und so gut wie nichts wert. Möglicherweise aus diesem Grunde, möglicherweise auch, weil er ihnen einfach zu dumm war, interessierten sich 1945 die Russen nicht für den Blinddarm, der zur thüringischen Gemeinde Lichtenhain gehört, und ignorierten die drei Häuser, die die Grenze aus Kleintettau herausreißt. Die Amerikaner wiederum ließen sich in Kleintettau so gut wie überhaupt nicht sehen.

Viele Jahre später, als Deutsche, verschieden uniformiert, die zur Zonengrenze avancierte Landesgrenze auf beiden Seiten bewachten, und drüben Kontrollstreifen aufgepflügt, Stacheldrähte gezogen, Wachttürme errichtet, Schneisen in die Wälder geschlagen wurden, verzichteten auch die sowjetzonalen Behörden auf das sumpfige Stückchen Land. Sie kürzten die Grenze einfach ab und kümmerten sich weder um die sauren Wiesen noch um die drei Häuser.

Früher, so erinnern sich die Kleintettauer, seien mitunter Vopos herübergekommen. In einem der drei Gebäude befindet sich eine Gastwirtschaft; dort hätten sich die Besucher ihrer Uniformen entledigt und ziviles Zeug angezogen, um dann in Kleintettau oder in einem Nachbarort zu tanzen. Aber das sei schon sehr, sehr lange her, außerdem gewissermaßen privater Natur gewesen. Richtige Vopo-Patrouillen wurden siebzehn Jahre lang in dem Schlauch nicht gesichtet.