Hamburg

Am 10. Juli um elf Uhr erwartete die des Mordes angeklagte Eva Maria Mariotti das Urteil des Schwurgerichts. Am Abend kurz vor zwanzig Uhr erst schloß das Gericht seine Beratung. Aber kein Urteil wurde verkündet, sondern der Beschluß, die Verhandlung auszusetzen, um weitere Ermittlungen vornehmen zu lassen. Die Aussetzung der Hauptverhandlung bedeutet – im Gegensatz zur Unterbrechung, die nach dem Gesetz nicht länger als elf Tage dauern darf, weil das Gericht unter dem frischen Eindruck der Verhandlung urteilen soll –, daß dieser Prozeß damit zu Ende ist und eine neue Hauptverhandlung anberaumt werden muß, die mit allem wieder von vorn zu beginnen hat.

Die langen Stunden der Beratung kann das Gericht kaum dazu gebraucht haben, um diesen Beweis-Beschluß zu fassen. Vielmehr sieht es so aus, als habe man zu keinem Urteil kommen können, als ob jedenfalls die für eine Verurteilung der Angeklagten erforderliche Mehrheit von mindestens sechs der neun Mitglieder des Gerichts nicht erzielt werden konnte. Der Beschluß, die Verhandlung auszusetzen und weiter zu ermitteln, scheint der Ausweg gewesen zu sein, den das Gericht aus diesem Dilemma schließlich fand.

Verbunden wurde dieser Beschluß mit einem Vorwurf gegen die Staatsanwaltschaft, die die geforderten weiteren Ermittlungen eigentlich vorher habe liefern müssen, ein Vorwurf, der möglicherweise dazu diente, die kritische Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Vorsitzenden des Gerichts zugewandt hatte, abzulenken auf andere.

Ein Mann namens Groll

Was das Gericht weiter ermittelt haben möchte, ist besonders die Rolle eines Mannes namens Groll der um die Tatzeit herum, also im Jahre 1946, Untermieter der Witwe Maria Moser im Hause Loogestieg Nummer 8 in Hamburg-Eppendorf war. (Diese Witwe – die Zeugen schildern sie als reich und exzentrisch – ist das Opfer des Mordes.) Eine Frau Kardorff, die später Grolls Wirtin gewesen ist, als Zeugin von der Verteidigung aufgeboten, hatte am letzten Verhandlungstag ausgesagt, ihr Untermieter habe ihr bald nach dem Mord an der Witwe Moser einen Persianermantel zum Kauf angeboten. Ein derartiger Mantel spielt in diesem Prozeß eine wichtige Rolle, weil die Ermordete einen solchen besessen und die Angeklagte Mariotti später einen Mantel aus Persianer einem Pelzmacher zum Umarbeiten gebracht hat.

Tausend Mark Belohnung