Von Uwe Nettelbeck

Es war ein schönes Wochenende. Ein linder Wind streichelte den deutschen Wald, und blau strahlte der deutsche Himmel über dem Geviert des Klosterhofes zu Lippoldsberg.

Zum einundzwanzigsten Male wurde der beschauliche Landsitz des seligen Hans Grimm für zwei Tage Wallfahrtsort für jene, denen sein deutscher Geist noch immer im Blute west; die betagte Frau Doktor Holle Grimm hatte wieder einmal zum "Lippoldsberger Dichtertag" geblasen. "Es geht uns um das volksbewußte, um das familienbewußte Schrifttum", schreibt sie auf dem Programmzettelchen, und wahrlich, die Dichter ließen sie auch diesmal nicht im Stich.

Von der deutschen Mutter sangen sie und vom frischfröhlichen Feindzug, vom kühnen Jüngling, der mit der Manneswunde in der Brust im Welschland modert, aber auch von der Lerche, die jauchzend überm Kornfeld steigt. "Wind! Kommst du nach Osten in Steppe und Sumpf", klagte es, und es raunte heldisch-bitter: "Es lebt in uns nur ein Gebet, das bittet nicht um eignes Glück – es fleht nur Deutschlands Kraft zurück, die stolz auch diese Zeit besteht." Gemeint ist die "nationale Katastrophe" im Frühjahr 1945.

Lautsprecher teilten die Barden-Worte den lauschenden Hundertschaften mit. Auf harten Holzbänken saßen sie, stillfriedlich in der Julisonne, harmlos genug anzuschauen: Mütterchen und Bäuerlein, deutsche Frauen mit Haarknoten und langem Rock, ergriffene Jugend dazwischen, Mägdelein und stramme Burschen in Windjacke und Lederhose. Dann und vor allem die Frontgeneration, zahlreich herangerollt mit Messerschmitt und Heinkel, aber auch mit schwarzem Mercedes plus Chauffeur, Hemd offen, Sonne im Gesicht und innig gelöst. Nichts Drohendes, nichts Böses, nur die stille Einfalt schien aller Herzen zu bewegen. Warm und voll war der Beifall, und wohlig-tiefempfundene Seufzer begleiteten das zustimmende Kopfnicken.

Es lasen, das Programmheft nennt sie: Han; Heyck ("Siedler in Oberbayern; ... fast alle Bücher seit 1945 vergriffen"), Erich Kern ("1941 kriegsfreiwillig zur Waffen-SS, Kriegsroman ‚Der große Rausch‘", Verfasser ländlicher Scherze und hanebüchener Rechtfertigungstraktate), Ursel Peter ("Sportlehrerin, von 1945–1949 Hilfsarbeiterin"), Wilhelm Pleyer ("1924 bis zur Vertreibung Schriftleiter in Reichenberg und Gablonz ... Nach verschiedenen Militärdiensten traf ihn der Zusammenbruch in der sudetendeutschen Heimat... 1946 an die Tschechei ausgeliefert, nach 1 1/2 Jahren wieder abgeschoben...", Verfasser einer skandalösen Hymne auf Kolbenheyer und Vesper, vorgetragen vor einem Jahr in Lippoldsberg) und Gerhard Schumann ("1942/1945 Chefdramaturg des Württ. Staatstheaters ... 1956/1962 Geschäftsführer des Europäischen Buchklubs Stuttgart").

Einen Festvortrag gab es auch. Eigentlich sollte er "Das Recht des Weißen Mannes" heißen und Peter Kleist ("Internationalismus – Mistbeet für Landesverrat" nennt er seinen Artikel in der neuen Nummer der Deutschen Wochenzeitung, der die Todesstrafe fordert) ihn halten. Der Doktor Kleist sei erkrankt, hieß es, aber man habe vollwertigen Ersatz, nämlich den Professor Doktor Wolfrum von der Göttinger "Gesellschaft für freie Publizistik".