Eine der Säulen, auf denen die deutsche Universität ruht, ist ohne Zweifel das Prinzip der „akademischen Freiheit“. Das Hauptgewicht des Prinzips liegt jedoch im Studium. Der Student soll in seinem Studium weder durch einen vorgeschriebenen Studiengang noch durch ständige Aufsicht reglementiert werden, sondern in eigener Verantwortung seine Universität, sein Fach, seine Vorlesungen und Übungen auswählen und besuchen, um dann die im Examen verlangte Leistung zu erbringen.

Einige Konsequenzen dieses Prinzips sind auch dem flüchtigen Beobachter der deutschen Universitäten bekannt: der Katzenjammer des zweiten Semesters, in dem Studenten nicht mehr aus noch ein wissen und ihre Freiheit verfluchen; der „ewige Student“, der den Zeitpunkt, an dem er seine akademische Freiheit mit dem Zwang der beruflichen Existenz vertauschen muß, weiter und weiter hinausschiebt; der Universitätswechsel, der im Sommer und Winter die in der jeweiligen Jahreszeit besonders attraktiven Universitäten anschwellen läßt. Andere Konsequenzen begegnen dem deutschen Hochschullehrer jeden Tag: Überfüllte Vorlesungen beruhen unter anderem auf der fehlenden Gliederung der Studentenschaft nach Semesterzahl und Fachorientierung. In Seminaren sitzen zuweilen Studenten im ersten neben solchen des zehnten Semesters, Germanisten neben Juristen und Geographen, so daß von gemeinsamen fachlichen Voraussetzungen oft nicht die Rede sein kann. Die Kenntnisse vieler Studenten folgen den geheimnisvollen Wendungen des Vorlesungsangebots, dem sie zufällig ausgesetzt waren. Nicht einmal eine sinnvolle Hochschulstatistik ist mit dem Prinzip der akademischen Freiheit vereinbar: Wir wissen nicht, wie viele Studenten die Universität (oder das Fach) wie oft wechseln; wir wissen auch nicht, wie viele ihr Studium nie abschließen – und mancher Versuch der finanziellen oder organisatorischen Planung scheitert an diesem Unwissen.

„Akademische Freiheit“ ist offenbar ein Gedanke, der in eine vergleichsweise aristokratische Universitätskonzeption gehört. Sie setzt einen Studenten voraus, der in der Lage ist, selbst einen Weg durch den akademischen Irrgarten zu finden. In der universitas magistrorum et scholarium ist der Student nicht Objekt der Lehre, sondern ernstlich Gleichgestellter. Bei aller hierarchischen Starre des Lehrkörpers der deutschen Universität steckt in ihrem Prinzip der akademischen Freiheit die Vorstellung, daß Lehrende und Lernende an einem gemeinsamen Unternehmen gleichrangig beteiligt sind. In der Vorlesung teilt der Dozent nicht zum hundertsten Male längst Bekanntes, sondern seine gegenwärtigen Forschungen mit und bezieht dadurch den Studenten in seine Wissenschaft ein. Die Universität als ganze wird auf diese Weise eine wissenschaftliche Institution, jeder Student zu einem jungen Kollegen und damit zu einem Glied der Aristokratie der Freien im Geiste.

An diesen Usprung des Prinzips der akademischen Freiheit erinnern, heißt die Ursache seiner Problematik in der Gegenwart implizite schon angeben: Tatsächlich ist auch die deutsche Universität heute keineswegs mehr eine aristokratische Institution. Die Studentenzahlen haben sich im ganzen, aber auch an einzelnen Universitäten nahezu verzehnfacht. Das vielbeschworene Massenproblem hat daher schon jetzt zu nicht unerheblichen Einschränkungen der akademischen Freiheit geführt.

Niemand, der regelmäßig Studenten deutscher Universitäten berät, kann übersehen, daß die meisten ihre Lernfreiheit nicht als Chance, sondern als Belastung empfinden und tatsächlich erstaunlich viel Zeit ohne jeden erkennbaren Nutzen vergeuden. Der Lehreffekt gigantischer Vorlesungen und Seminare mit anonymem, weil ungegliedertem Publikum dürfte nicht allzu hoch sein. Generell ließe sich das Studium in nahezu allen Fächern (im Gegensatz zu den tatsächlichen Tendenzen) zugleich verkürzen und intensivieren, damit der Aufwand an öffentlichen und privaten Geldern sowie der Zeit und Energie der Lehrenden erheblich einschränken, wenn die Planung des Studiums nicht ausschließlich dem einzelnen Studenten überlassen bliebe.

Vielleicht sind die Nachteile des reglementierten Studiums nach amerikanischem oder russischem Muster nicht weniger schwerwiegend als die der akademischen Freiheit; jedenfalls wird immer wieder beobachtet, daß das deutsche Studiensystem den besten Studenten größere Bewegungsfreiheit gibt als irgendein anderes System. Wer in der akademischen Freiheit besteht, findet in ihr wahrscheinlich bedeutende Möglichkeiten der persönlichen wissenschaftlichen Entwicklung – und da fast alle Professoren (einschließlich professoraler Reformer) dies für sich in Anspruch nehmen, hat das Gegenargument der Vielen wenig Gewicht in der Diskussion.

Es ist unter diesen Umständen naheliegend, zu sagen, die Universität solle sich sowohl an die sie umgebende Gesellschaft anpassen als auch ihr den Widerstand ihrer Eigenart entgegensetzen; doch kann diese Verbindung ihren konkreten Sinn haben. Für die deutsche Universität und im Hinblick auf das Prinzip der akademischen Freiheit bedeutet sie – so scheint mir – vor allem die Notwendigkeit einer Gliederung des Studiums und damit der Studentenschaft. Es wird sich darum handeln müssen, institutionelle Wege zu erkunden, um das Studium in relativ stark reglementierter Weise beginnen und sich dann allmählich öffnen zu lassen, ohne die Universität organisatorisch aufzuteilen. Die Forderung einer eindeutigen Gliederung der Studentenschaft erlaubt die Beibehaltung des Prinzips der akademischen Freiheit in seiner Fruchtbarkeit für das wissenschaftsorientierte Studium unter gleichzeitiger Anerkennung der Tatsache, daß die Mehrzahl der heutigen Studenten die Universität weder im Hinblick auf dieses Prinzip betreten noch verlassen; sie läßt sich daher verwirklichen, ohne die bestehende Universität im Kern anzutasten.

Auch das Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre ist nicht nur eine der Grundannahmen der deutschen Universität, sondern zugleich eine ihrer Eigenarten, die sie von den akademischen Systemen anderer Länder wesentlich unterscheidet. Zum Unterschied von der akademischen Freiheit bezieht sich dieses Prinzip überdies mindestens ebensosehr auf die Lehrenden wie auf die Lernenden. Eine Reihe sonst schwerverständlicher Eigenarten des deutschen Hochschulsystems lassen sich von diesem Prinzip her erklären.

In Deutschland sind die Universitäten prinzipiell der eigentliche Sitz der Forschung (und die faktische Durchbrechung dieser Regel heute, von der gleich noch zu sprechen sein wird, wird daher durchaus als Bruch mit dem Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre empfunden). Die Lehre erfolgt vielfach auch dort noch im Stil des wissenschaftlichen Colloquiums (des „Forschungsseminars“, wie man in anderen Ländern sagen würde), wo die Zahl der Teilnehmer diese Prozedur zur Groteske macht.

Vor allem aber bekundet das Habilitationserfordernis die Bedeutung des Prinzips: Um die venia legendi, also die Lehrbefugnis zu erlangen, muß eine reine Forschungsleistung erbracht werden, die zeigt, daß der akademische Lehrer über seine Promotion hinaus in der wissenschaftlichen Forschung tätig geblieben ist.

Gewiß ist auch das Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre ein Element der Starre in der Struktur der deutschen Universität. Es ist offenbar unsinnig, einen guten Wissenschaftler ohne jede Lehrbegabung zu zwingen, wöchentlich sieben Stunden Vorlesungen abzuhalten, oder einen dringend benötigten Archivar nicht anzustellen, weil seine Stellung eine reine Forschungsstellung wäre, aber umgekehrt habilitierte Dozenten Kurse in Buchhaltung oder Latein oder Mikroskopie geben zu lassen. In der Tat mag man die Auswanderung der Forschung aus der Universität selbst, wie an die Institute der Max-Planck-Gesellschaft und andere, als Resultat der allzu starren Anwendung des Prinzips der Einheit von Forschung und Lehre ansehen.

Trotz solcher Gründe und trotz offenbarer Ansprüche der Gesellschaft an die Universität als Ausbildungsstätte scheint mir jedoch in der Tendenz der Trennung von Forschung und Lehre ein Verlust für alle Beteiligten zu liegen: für die Studenten, weil die Lehre zunehmend des Interesses lebendiger Wissenschaft ermangelt; für die akademischen Lehrer, weil sie entsprechend in Gefahr geraten, die Lehre zur Routine werden zu lassen; für die wissenschaftlichen Forscher, weil ihnen der befruchtende Dialog gerade mit Lernenden in der selbständigen Forschung abgeht. Insofern all dies eine Verarmung der Lehre wie der Forschung bedeutet, hat es auch außerhalb der Universität spürbare Konsequenzen. Auch hier geht es darum, Anpassung und Widerstand in ein angemessenes Verhältnis zu bringen, also die Starre des Prinzips aufzulockern, ohne dabei seinen Wert in Frage zu stellen. Das bedeutet, daß neue Formen einer beweglicheren Verbindung von Forschung und Lehre zu entwickeln sind.