Von Gottfried Sello

Auf der Mathildenhöhe wird das Darmstädter Gespräch über "Angst und Hoffnung" fortgeführt, mit Bildern – oder vor Bildern und Skulpturen aus den letzten achtzig Jahren, die frühesten stammen von Ensor und Munch, die letzten von Bacon und Tapies. Aber das Thema, ist hier, im Bereich der Kunst, eingeschränkt: "Hoffnung" ist ausgeklammert. "Zeugnisse der Angst (nur der Angst), in der modernen Kunst", rund 150 Werke der Malerei, Plastik und Graphik sind bis zum 1. September in Darmstadt ausgestellt.

Man will wissen, ob auch die bildenden Künstler dem Gefühl der Angst Ausdruck geben, von dem in der täglichen Unterhaltung, nicht nur im Darmstädter Gespräch, und auch in der Literatur so viel die Rede ist. Zwei sachverständige Gremien, ein Ausstellungsbeirat und ein Arbeitsausschuß, Kunsthistoriker und Museumsleute, haben bei dem Darmstädter Unternehmen mitgewirkt: Werner Haftmann und Werner Hofmann, Gotthard Jedlicka, Sandberg aus Amsterdam, Peter Selz aus New York, Hans-Gerhard Evers und Hans-Günther Sperlich und ein halbes Dutzend weiterer Experten.

Wie weit unter ihnen die Meinungen über das Thema, den Begriff der Angst, seine mögliche oder notwendige Begrenzung, auseinandergehen, darüber gibt der Katalog Auskunft. Er bringt auf mehr als hundert Seiten glanzvolle Essays. Werner Haftmann schreibt über "Utopie und Angst". Gustav René Hocke über "Esoterische Symbolik", wobei der moderne Surrealismus wiederum als Ausläufer oder Welle des in allen Epochen latenten Manierismus gedeutet wird. Eberhard Schulz entwickelt seine aufregenden Thesen über "Architektur und Angst", obgleich das mit der Ausstellung schon nichts mehr zu tun hat, die auf Beispiele aus der Architektur verzichtet.

Aber nicht diese Gremien mit ihren divergierenden Vorstellungen haben die Bilder und Skulpturen in den Museen und Privatsammlungen ausgesucht. Man hat einen einzelnen beauftragt, einen Künstler, keinen Kunsthistoriker, keinen Philosophen, keinen, der die Angst im Sinne von Kierkegaard und Heidegger interpretiert, den Darmstädter Maler Bernd Krimmel. Er hat etwas Einheitliches, etwas Einleuchtendes zustandegebracht, das Muster einer thematisch gebundenen Ausstellung.

Das Thema wird ernst genommen, nicht nur zum Anlaß, um irgendwelche schönen und bedeutenden Werke vorzuführen, ein beliebter Trick im heutigen Ausstellungs-Schaugeschäft, weil das Publikum sich von einem wie immer gearteten Thema angesprochen und zum Besuch animiert fühlt.

"Der Schrei" von Munch, repräsentativ, fast programmatisch am Eingang, gilt als das große Beispiel von Angst-Neurose, ein klinischer, ein pathologischer Fall, symptomatisch für die psychologisch gefährdete Situation der Wegbereiter van Gogh, Ensor, Munch – womit entschieden nur eine partielle Wahrheit gesagt ist. Der schreiende Jüngling auf der Brücke: von klinischer Platzangst und Schwindelgefühl ergriffen? Munch notiert zu seinem Bild: "... über dem blauschwarzen Fjord und über der Stadt lag der Himmel wie Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter, und ich stand allein, bebend vor Angst. Mir war, als ginge ein mächtiges, unendliches Geschrei durch die Natur." Neben dem "Schrei" hängt seine "Winternacht", eine stille, eine beinah friedliche Landschaft, gänzlich erhaben über den Verdacht einer persönlichen Hysterie, ein reiner, geklärter Ausdruck nicht der Platzangst, sondern der Weltangst.