Von Willi Bongard

Bevor ich auf die Klingel an der Haustür des Mietshauses in der Mozartstraße Numero 12 in Hannover drückte, hatte ich mich mit einem Strauß roter Nelken – und einem Päckchen Backpulver versehen; aber die Alte Dame, der ich zum 80. Geburtstag gratulieren wollte, war nicht zu Hause. Ich hätte ihr Profil gern mit dem auf meiner Backpulvertüte verglichen. So mußte ich mich denn mit der Auskunft ihrer Nachbarin zufrieden geben, daß sie bei bester Gesundheit sei – und immer noch „wie ein junges Mädchen“ aussehe...

Die Alte Dame, von der hier die Rede ist, Frau Hanna Ubrich, geb. Kind, hatte um die Jahrhundertwende in ihrem väterlichen Betrieb in Bielefeld Modell für ein Signet gestanden, das mittlerweile Millionen Hausfrauen zum Begriff geworden ist – für die Erzeugnisse der Firma Oetker. Ihr Vater, Inhaber einer Stempel- und Gravieranstalt, war mit dem ersten Preis aus einem Wettbewerb hervorgegangen, den der Apotheker Dr. August Oetker ausgeschrieben hatte, um seiner Devise: „Ein heller Kopf verwendet nur Dr.-Oetker-Fabrikate“ auch bildlich Ausdruck zu geben. Das nach links blickende Profil des weiland Fräulein Hanna Kiel dürfte das einzige sein, das sich seither eines reichspatentamtlichen Schutzes erfreut.

Die Eintragung des „Hellkopfes“ als Warenzeichen erfolgte im Dezember 1899. Acht Jahre vorher – am 1. Januar 1891 – hatte Dr. August Oetker die Aschhoffsche Apotheke übernommen, die heute noch als Engel-Apotheke gegenüber der Altstädter Nicolai-Kirche im Zentrum Bielefelds ihren Platz hat. Noch im gleichen Jahre waren seine ersten Backversuche geglückt, mit denen er in der Küche seiner Frau Caroline die Wirksamkeit einer Mischung erprobte, die als „Backin“ den Beifall zunächst der Bielefelder Hausfrauen, wenig später auch der weiteren Umgebung fand.

Es kann keine Rede davon sein, daß Oetker das Backpulver erfunden hat. Der Ruhm gebührt viel eher Justus von Liebig, der bereits in den sechziger Jahren ein Triebmittel entwickelt hatte, das aber wegen seiner raschen Verderblichkeit nicht lagerbar und also auch nicht handelsfähig war. Diese Feststellung schmälert nichts an Oelkers Verdiensten – ebensowenig wie die Anekdote, wonach dem Doktor aufgefallen sei, daß ein junges Mädchen jeden Sonnabend in seiner Apotheke Natron und Weinstein verlangte. Auf die Frage, wozu sie eigentlich diese Sachen benötige, soll das Mädchen errötend gestanden haben: „Der Kauke jeht so jut mit auf.“ Woraufhin bei Dr. August Oekter sozusagen der Groschen gefallen sei, der ihm binnen kurzem ein Millionenvermögen einbringen sollte.

Oetker mußte in seiner Apotheke noch eine ganze Weile herumexperimentieren, ehe die drei wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgversprechendes Geschäft mit seinem Pulver erfüllt waren, nämlich ausreichende Triebkraft, Haltbarkeit und Geschmacksfreiheit. Sein Name wäre indessen der Nachwelt kaum überliefert, wenn er außer seiner küchenchemischen Begabung nicht auch kaufmännisches Geschick bewiesen hätte.

Der Einfall, das Backpulver in Tütchen „ausreichend für ein Pfund Mehl“ abzupacken und mit seinem Namen für die Qualität zu bürgen, steht der „Erfindung“ des Pulvers selbst in nichts nach. Ob sich Oetker der Tragweite seiner Markenpolitik von vornherein bewußt war, ob er sich möglicherweise dabei von Vorbildern – etwa dem Seifenpulverfabrikanten Henkel oder dem Odol-Produzenten Lingner hat leiten lassen, ist fraglich. Die Konsequenz, mit der er an seiner Vertriebsidee festhielt und die frühzeitigen Bemühungen, sich durch die Inanspruchnahme der gesetzlichen Markenschutzbestimmungen gegenüber der Konkurrenz abzusichern, deuten jedoch darauf hin, daß er sich der Chance, aus der Anonymität des Warenangebots hervorzustechen, wohl bewußt war.