In der ZEIT Nr. 31 unterbreitete Prof. Baade der Öffentlichkeit eine alarmierende These. Er schlug vor, dem Hunger in der Welt dadurch die Stirn zu bieten, daß die europäischen Industrieländer auf der Basis der hohen deutschen Getreidepreise bewußt landwirtschaftliche Überschüsse produzieren, diese Überschüsse dann von den Regierungen aufgekauft und an die Entwicklungsländer verschenkt werden. Es war uns von Anfang an klar, daß diese Art praktischer Entwicklungshilfe schon wegen ihrer engen Verklammerung mit der nicht ohne Leidenschaft geführten deutschen Agrarpreisdebatte Widerspruch und Gegenargumente geradezu herausfordern mußte. Von den Zuschriften, die uns zu diesem Artikel erreichten, scheinen uns die beiden folgenden in ihrem sachlichen Gehalt besonders interessant zu sein.

Wenn diejenigen, die höchstpersönlich und unmittelbar an hohen Getreidepreisen interessiert sind, ihre diesbezüglichen Forderungen mit dem Hunger in einem Teil der Welt begründen, entspricht das jener Mischung aus schlechtem Gewissen und schlechtem Geschmack, mit der man hierzulande seit eh und je die Interessen eines verhältnismäßig kleinen Teils der Landwirtschaft gerade wegen ihres Gegensatzes zum allgemeinen Interesse zu kaschieren pflegt. War es früher das Vaterland, das die agrarischen Sprecher für ihre Zwecke mißbrauchten, so sind es heute die Hungernden in aller Welt.

Das ist also nichts Neues. Wenn sich aber ein Mann wie Fritz Baade – aus welchen respektablen Gefühlen auch immer – in diese Front einreiht, zeigt das, in welche hoffnungslose Verwirrung das geraten ist, was den Namen Agrarpolitik schon lange nicht mehr verdient – jedenfalls dann nicht, wenn man unter Politik mehr versteht als die Überlegung, ob man das Ergebnis der letzten Meinungsbefragung zu 120 oder zu 150 Prozent als Programm vertreten soll.

Kein Wort über die Notwendigkeit, den Entwicklungsländern zu helfen, kein Wort über die Verpflichtung, den Hunger zu bekämpfen. Das eine und das andere kann aber nur aus der Wirtschaftskraft der Länder geschehen, die vor diese Aufgabe gestellt sind. Diese Wirtschaftskraft wird aber durch die Politik hoher Agrarpreise eindeutig geschmälert – ganz abgesehen davon, daß auch die leider vorhandenen psychologischen Vorbehalte gegen die Entwicklungshilfe aller Art nicht geringer werden, wenn man den Völkern sagt, daß sie im Interesse der Hilfsbedürftigen nicht nur Steuergelder aufbringen müssen sondern auch höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen haben.

Der von Prof. Baade gemachte Vorschlag, die deutschen Getreidepreise im ganzen EWG-Raum einzuführen, würde unmittelbar auf eine wesentliche Erhöhung aller Lebensmittelpreise hinauslaufen, da mittels der Marktordnung bekanntlich auch die Preise für Veredelungsprodukte nach den Getreidepreisen ausgerichtet werden. Die von ihm genannte Voraussetzung, die Landwirtschaft über das sogenannte Quantumsystem an den Kosten der Geschenkaktion zu beteiligen, ist doch nur ein frommer Wunsch. Dieses System gibt es heute auch in Frankreich nicht mehr. Die Kosten für Exportsubventionen werden im Rahmen der schon geltenden EWG-Getreidemarktordnung nicht von den Bauern, sondern von den Steuerzahlern und – über die sogenannte Abschöpfung – von den Verbrauchern getragen.

Eine andere unmittelbare Folge wäre die weitere Verringerung der Einfuhrmöglichkeiten aus dritten Ländern. Dabei gäbe es nicht einmal die Überschüsse, mit denen Baade den Hungernden helfen will –, jedenfalls nicht im EWG-Bereich. Die auch nach seiner Meinung mit der Preiserhöhung bewirkte Steigerung der Getreideproduktion würde nur die heute noch vorhandene und von der EWG-Kommission und einigen wenigen einsichtsvollen Politikern mit Recht verteidigten Getreideimporte sehr rasch zum Erliegen bringen. Die Überschüsse würden also dort wachsen wo es auch heute schon Getreideüberschüsse gibt.

Was würden wohl aber unsere agrarischen Menschenfreunde sagen, wenn wir den Ländern, die von der Natur dazu bestimmt sind, Getreide zu erzeugen, und die es deswegen viel billiger erzeugen können, bares Geld geben würden, um ihnen zu helfen, möglichst viel billiges Getreide an die Hungernden in der Welt zu verteilen, und wenn wir die dafür erforderlichen Mittel dadurch beschaffen würden, daß wir auf die Subventionierung der Teile der EWG-Landwirtschaft verzichten, die im Gemeinsamen Markt nur noch unwirtschaftlichen Ballast darstellen? An ihrem Geschrei würde man sehr schnell merken, wie es um ihre Menschenfreundlichkeit bestellt ist. Und doch wäre das das einzige vernünftige Verfahren; denn wir könnten mit dem gleichen finanziellen Aufwand sehr viel mehr Getreide und andere geeignete Nahrungsmittel verschenken.