Lieber Freund,

Deiner besorgten Nachfrage, ob ich hier unten auch rechtzeitig das Hamburger Magazin bekomme, entnehme ich mit einiger Enttäuschung, daß Du anzunehmen scheinst, ich gehörte auch zu denen, die montags, kaum, daß sie gefrühstückt haben, mit der runden Mark in der Tasche zum nächsten Kiosk rennen oder dem Briefträger entgegen, der sich vielleicht verzögert hat.

Ich kenne solche, die auf diese Publikation wie auf eine Droge warten und montags früh derselben als einer Dröhnung bedürfen. Gern bekenne ich mich einiger Süchte und Laster schuldig, doch von dieser Sucht fühle ich mich frei. Ich blättere das Ding gewöhnlich am Mittwoch durch, wie ein guter Hausvater, der das legitime Amt des Zensors versieht, gebe es gewöhnlich Weib und Kindern frei und laß mir gelegentlich, wenn wir unseren nachmittäglichen Tee miteinander trinken, aus dem Inhalt berichten.

Frauen und Kinder haben ja, was Männer nicht haben sollten – nur so gelegentlich, wie sie Pralinen essen – eine Affinität zum Klatsch und lesen solches mit jener vergeßlichen Unschuld, die uns Männern fehlt.

Wenn ich selbst gelegentlich zu dem Magazin greife, geht es mir, wie es wohl den meisten geht: Wenn sie jemand zwischennehmen, den ich mag, ärgere ich mich; und wenn sie jemand zwischennehmen, den ich nicht mag, spüre ich der Schadenfreude vorübergehendes Sodbrennen und komme mir vor, als hätte ich im Dunkeln heimlich Pralinen gegessen.

Nun runzelst Du da oben, während ich hier an Italiens Ostküste eine Art von mezzodolce vita führe, beunruhigt die Brauen, fürchtest gar, ich würde bei der nächsten Wahl die CDU wählen. Hab’ keine Angst, so weit wird es nicht kommen, so tief werde ich dann doch nicht sinken.

Auch höre ich Dich fast schon atemlos das schöne Wort Zeitkritik hauchen. Schön. Hauche nur. Kierkegaard war ein Zeitkritiker, Wilhelm Busch war einer, und ich habe mich nie so recht über die Witwe Bolte und den Lehrer Lempel amüsieren mögen, fand aber auch immer, daß Max und Moritz zu grausam bestraft werden. Ich halte es nicht für Zufall, daß Busch die Lektüre der Spießer geworden und geblieben ist.