Fernsehen

Wenn ich einen Lehrstuhl für Publizistik hätte, würde ich meinem ersten Doktoranden als Stilanalyse das Thema „Die Sprache der Sportreporter“ geben. Ich bin sicher, daß der Kandidat am Ende seiner Arbeit zu ähnlichen Schlüssen wie jener Promovent käme, der, so wird erzählt, bei einem renommierten Kunsthistoriker über das Thema „Das wilhelminische Kriegerdenkmal“ promovierte. Schwulst und Emphase, Faltenwurf und Omnipotenz („natürlich lief Eintracht Bonn in diesem Jahr schon 40,6“): wie sich die Zeichen doch gleichen. Selbst ein so nüchtern-besonnener Mann wie Heinz Maegerlein, dem Habitus nach eher versonnen und gütig, braucht in der Arena das Wort „Favorit“ nur im Zusammenhang mit einem schmückenden Epitheton: Favorit genügt nicht – groß muß er sein. „Der große Favorit“ – große gesprochen wie grose, mit stimmhaftem s – so hörte man es dutzendfach aus dem Augsburger Rosenau-Stadion schallen.

Ja, Leichtathletik scheint eine heroische Sache zu sein: Während die Hammer sausten und die Speere schwirrten, beschwor Dr. Max Danz im Gotterdämmerungsstil die Athleten der freien Welt, doch intensiver Leistungssport zu treiben und weit mehr als bisher für die olympische Aufrüstung zu tun. Das war ein feierlicher Moment, Heinz Maegerlein stimmte, der Zeitnot zum Trotz, der Proklamation kopfnickend zu und tat am Ende das Seine, indem er, mitten im Augsburger Rund, auf Hemingways „Alten Mann und das Meer“ und die Maxime des unermüdlichen Fischers verwies: „Ich muß nicht, aber ich will.“ Ein treffliches, zur rechten Stunde gesprochenes Wort: Hemingways Santiago als Urbild eines Leistungssportlers – dieser Gedanke verdient es wirklich, festgehalten zu werden.

Ein Glück nur, daß der Sport auch andere Gesichter hat: Da standen sich zum Beispiel am Rothenbaum zwei Herren gegenüber, Fred Perry und Baron von Gramm, deren Ballwechsel zeigte, wieviel Spaß doch ein Tennisspiel macht. Das Ergebnis war ganz belanglos, „große Favoriten“ gab es hier nicht, aber dafür wurde bewiesen, daß Charme und Selbstironie in der Arena viel angenehmer erscheinen als der tierische Ernst und die verkniffenen Mienen gedrillter Athleten. (Wie köstlich, ein Meisterstück des Understatement und der Parodie, wirkten die Herren in der Unterhaltung mit dem sein unverkennbares Germano-Englisch redenden Reporter Zimmermann; wie witzig war das Interview, gemessen an dem stereotypen Fußballer-Wechselgespräch: „Haben Sie den Gegner so stark eingeschätzt?“ „Ja, wir wußten, daß er sehr gefährlich ist.“ „Sind Sie zufrieden?“ „Ja, meine Mannschaft hat alles gegeben.“)

Kleine Bälle, Staffelhölzer, Wendemarken und Glasfiberstäbe: vorbeigehuscht, verwischt und schon wieder vergessen; ausgelöscht von einem Gesicht. Rudolf Vogel spielte, in Johann Mario Simmels „Schulfreund“, die Rolle jenes Ludwig Fuchs, der, im Krieg durch einen allerhöchsten Jagdschein vom Tod gerettet, im Frieden diese zweckbedingte Unzurechnungsfähigkeits-Erklärung nicht mehr widerlegen kann: Alle Zeugen weichen aus, und keiner hilft dem alten Mann.

„Der Schulfreund“ ist ein behutsames Spiel, ein Drama, das ein kläglich-großes Geschehen in der Spiegelung des Bescheiden-Privaten betrachtet – eine elegische Schweykiade (von Rainer Wolffhardt klug und unsentimental inszeniert), die das Zeitgeschehen sehr viel nuancierter und wahrhaftiger einfängt als jede historische Moritat. Vogel war Schweyk, Andreas Pum und Alois Grübel in einer Person; ein großer Akteur inmitten eines sorgfältig ausgewählten, bis in die kleinsten Rollen überlegt besetzten Ensembles.

Dieser Abend hatte, mitten im Sommer, das Air einer Winterpremiere von Rang. Momos