WESTDEUTSCHER RUNDFUNK

Sonntag, 18. August, die Sendung:

Von seiner Arbeit und zwei wichtigen Kritiken aus dem Jahre 1959, die er nachträglich als falsch erkennt, berichtete Marcel Reich-Ranicki klar, sachlich, ernsthaft und unterhaltend. Er blieb dauernd nahe am Objekt, der kritischen Arbeit nämlich und der Literatur, und geriet nicht in die von manchen seiner elf Vorberichter befahrene Zone der Selbstlobpreisung und Koketterie. Hier zeigte sich wieder einmal, was für eine gute Idee diese Sendereihe und wie erfrischend der Funk „am lebenden Objekt“ ist.

Elf westdeutsche Kritiker haben seit Beginn dieses Jahres in der zwanzig Minuten langen Abendsendung von sich und ihren Irrtümern erzählt. Nicht alle Irrtümer waren interessant, nicht alle fehlbeurteilten Objekte wichtig. Aufschlußreich aber im Hinblick auf die Irrenden selbst waren sie alle. Denn: wie auch immer einer es anfängt, ob er tatsächlich Gewichtiges bekennt, ob er seine gedruckten Fehler listig in fremde Schuhe hineinmanipuliert oder den Mord an einem Sandfloh beichtet – immer dekuvriert sich der Erzählende.

„Mein Autor ist mein Mandant, mein Kiient, mein Schützling“, sagte Reich-Ranicki, „er ist aber auch mein Opfer. Ich bin sein Rechtsanwalt, aber auch sein Staatsanwalt.“

Die Bücher, die der Kritiker jetzt anders beurteilt als damals: Heinrich Bölls „Billard um halbzehn“. Die Schwächen des Romans habe er zwar nicht übersehen, aber unterschätzt. Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ bewerte er heute höher als damals. R. H.