Von F. K. Mathys

Nimmt der Sport – im weitesten Sinne gefaßt – unter den Redewendungen im Gesamtwerk von Shakespeares Vorläufer, des Dichters Christopher Marlowe (1564– 1593) nur ein Viertel seiner Bilder ein, so ist es bei Shakespeare (1564–1616) bereits die Hälfte. Vergleiche und Übertragungen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten über Kriege, Geld, Gegenden, Gebäude, über Stadtleben und Staat bleiben weit hinter Hinweisen auf Spiel und Sport zurück. Freilich darf man da den Begriff Sport nicht so eng fassen wie heute, denn Shakespeare zählt auch Bärenfang, Jagd, besonders Hasenjagd, Fischen, Falkenjagd und anderes zum Wesen des Sports. Die damalige Bezeichnung enthielt eben mancherlei Zeitvertreib, heißt doch Sport – aus dem lateinischen disportare abgeleitet – ursprünglich Zerstreuung, Liebhaberei, Wegführung vom Alltag.

In Shakespeares Schauspielen finden wir das ganze buntschillernde Bild des englischen Renaissancesportes, und man darf die Worte in „Troilus und Cressida“: „Oh, like a book of Sport thou’lt read me over!“ gewiß auf den Dichter selbst beziehen. Mit dem Rapier scheint Shakespeare sehr vertraut gewesen zu sein. Jedenfalls kannte er alle Paraden, wie dies aus seinen vielen Erwähnungen der Fechtkunst hervorgeht. In „Romeo und Julia“ kommt ja eine eigentliche Fechtszene vor. Das damals zu hoher Berühmtheit gelangte Bogenschießen diente ihm zu vielen sprichwörtlichen Vergleichen und Redewendungen. Ringen, Laufen, alles Freiluftleben, verschiedene Arten der Jagd, Vogelstellerei, auch das Turnieren hoch zu Pferd sowie das Reiten, etliche Ballspiele und der Tanz sind die wichtigsten Leibesübungen in old England gewesen und wurden von Shakespeare immer wieder in Dramen und Komödien genannt. Interessant ist Shakespeares Einfühlungsvermögen in das Leiden des gehetzten Wildes. Besonders sind ihm die Vögel, die mit Fallen oder Leimruten gefangen wurden, dann aber auch alle von schlechten Reitern geschundene Pferde ans Herz gewachsen. Das Fischen schien ihm nicht sehr bedeutsam, hingegen glauben die Shakespeareforscher (nach des Dichters Äußerungen), daß er sich gern dem Bowlespiel hingab. Man hat dieses Bowlespiel fälschlicherweise als Kegeln gedeutet, es handelt sich aber vielmehr um das dem Boccia sehr ähnliche Boule, das noch heute in Frankreich – besonders im Süden – und der Westschweiz zu einer beliebten Unterhaltung gehört. Zu Shakespeares Zeiten war in die hölzernen Kugeln ein Stück Blei eingelassen, Bias genannt, das der Kugel ein einseitiges Gewicht gab. Es hing also von der Geschicklichkeit des Spielers ab, der Kugel jene Drehung zu geben, die sie an der gewünschten Stelle landen ließ. Bowles sind in „Cymbeline“, „Richard III.“, „Troilus und Cressida“, „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Chorolian“, „König Lear“, verschiedentlich zu Vergleichen gebraucht, wie der Dichter z. B. Polonius sagen läßt: „So benehmen wir gelehrte Männer uns auf krummen Wegen, vermittels Bias ans Ziel zu gelangen.“

Zur Sportbetätigung Shakespeares dürfte auch das Schwimmen gehört haben, gleichfalls das damals übliche Field-Tennis, wogegen er über Volksfußball verschiedentlich in abschätzigem Tone sprach wie etwa in „König Lear“ und der „Komödie der Irrungen“, wo er Dromeo von Ephesus sagen läßt:

„Bin ich so rund mit Euch, als Ihr mit mir, daß Ihr mich wie ein Fußball schlagt und stoßt?

Hin und zurück nach Lust schlägt mich ein jeder,

soll das noch lange währen, so näht man mich erst in Leder.“

Wenn man weiß, wie grob damals Volksfußball gespielt wurde, so begreift man Shakespeares Abneigung, die sich übrigens auch in anderen Werken kundtut. Shakespeare, der keinen „falschen Galopp der Verse ritt“ (Sommernachtstraum), hat in seinen Schauspielen ein beredtes Zeugnis des Sports im Elisabethanischen Zeitalter vermittelt.