Kommunismus und Wiedervereinigung – Eine Analyse von Eduard Heimann

Eduard Heimann galt schon 1933, als er das Reich Hitlers verließ, als einer der großen deutschen Nationalökonomen. In diesem Beitrag zieht der 74jährige aus seinem wissenschaftlichen Lebenswerk Schlußfolgerungen für die soziale und politische Wirklichkeit von heute. – Heimann war von 1925 bis 1933 Professor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaft in Hamburg. 25 Jahre lang lehrte er dann in Amerika. Gegenwärtig ist er emeritierter Professor für Sozialwissenschaft und Lehrbeauftragter der Theologischen Fakultät der Universität Hamburg.

Historische Dialektik ist die Lehre vom geschichtlichen Wachstum. Neue Kräfte treten in die Geschichte ein, und indem sie wachsen, finden sie keinen angemessenen Raum in der gegebenen Lebensform und geraten in immer schärferen Konflikt mit ihr. Der Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen treibt über sich selbst hinaus, entweder in den Untergang des Ganzen, falls die schöpferische Produktivität nicht ausreicht, oder zu einer höheren, differenzierteren Form, in der die beiden streitenden Kräfte jede auf ihre Weise Raum und Entfaltungsmöglichkeit finden. Darum beschreibt Hegel die historische Dialektik als den Fortschritt des Geistes durch die große Versöhnung der Gegensätze.

Nicht so Marx, der von Hegel herkommt. Der Marxismus geht von dem Mythos eines ursprünglichen, instinktiven Kommunismus aus, eines Goldenen Zeitalters, in dem die Menschen unter ganz primitiven Verhältnissen in Eintracht miteinander leben. Diesem Urzustand macht der Sündenfall in die Selbstsucht, in das Privatinteresse ein Ende. Das Privatinteresse eignet sich Stücke des ursprünglichen gemeinsamen Besitzes an und sucht nach rationellen und immer rationelleren Methoden der Verwertung. Genau wie in der Bibel ist also das Böse nicht einfach böse, sondern es ist zugleich der Träger des Fortschritts, bis es selber überwunden werden kann. Denn in der Bibel ist Kain, der Mann, der sich weigert, seines Bruders Hüter zu sein, zugleich der Städtegründer und Vater der Handwerker.

Das Selbstinteresse trifft schließlich auf die Industrietechnik als die höchstentwickelte Form rationeller Verwertung für sein Privateigentum. Der Kapitalismus ist diejenige Phase des Privateigentums, in der es die Industrie errichtet, die Arbeit kollektiviert und dadurch die Arbeiter kollektiviert, organisiert, schult und diszipliniert. Dies alles aber unter privater Leitung für private Zwecke. Dies ist der grundlegende soziale Widerspruch im Kapitalismus: Individualismus oben, Kollektivismus unten, beide in eine Lebensform zusammengeknüpft.

Der überwundene Kapitalismus

Diese und die ökonomischen Widersprüche treiben in den Konflikt und schließlich zu der Katastrophe des Kapitalismus, wo er ökonomisch versagt und von den Arbeitern kollektivistisch umgebaut werden muß. Dies ist die neue höhere und höchste Form des dialektischen Wachstums. Kommunismus ist also die kollektive Arbeit an dem nun kollektiven Eigentum unter einheitlicher Leitung zu allgemeinem Nutzen. Und die gesamte Dialektik stellt sich so dar, daß die kapitalistische Industrie die kollektivistische Arbeiterschaft produziert und diese sich selbst in einer kollektiven Sozial- und Staatsorganisation verwirklicht, also diese Organisation als Krönung auf die industrielle Entwicklung setzt. Die Freiheit, auf die die bürgerliche Welt gegenüber dem Kollektivismus pocht, hat Ungerechtigkeit und Unordnung, Ausbeutung und Wirtschaftskrise mit sich gebracht und wird abgeschafft, so daß nun Ungerechtigkeit und Unordnung an der Wurzel vernichtet sind. Soweit Marx.