Vor wenigen Wochen erst war Fulbert Youlou, der Präsident der früheren französischen Kongo-Republik, mit allen Ehren im Pariser Elysée-Palast empfangen worden. Vor acht Tagen aber rief er de Gaulle aus Brazzaville an: „General, ich trete zurück!“ In Wahrheit freilich wurde der kleingewachsene, energische Abbé gestürzt – just an dem Tage, da seine Republik zum dritten Mal ihre Unabhängigkeit feiern wollte.

Eine aufgebrachte Menge stürmte das Gefängnis und befreite vierhundert Häftlinge. Empörte Schreie hallten durch die Straßen: „Nieder mit dem Diktator Youlou!“ Die Palastgarde schlug sich auf die Seite der Demonstranten. Und dem Staatschef, der sich so gern als der „schwarze Messias“ hatte huldigen lassen, blieb keine andere Wahl, als seinen Rücktritt bekannt zu geben – im Stich gelassen von seinen Ministern und seinen Parteifreunden, im Stich gelassen aber auch von den französischen Truppen, die vertragsgemäß für die innere Ordnung in der Republik zu sorgen haben. Nun sitzt Youlou in seinem Landhaus, streng bewacht von Polizisten, und bangt, ob ihm die neue, provisorische Regierung unter dem ehemaligen Parlamentspräsidenten Alphonse Massamba-Debut den Prozeß macht, den die Gewerkschaftsführer fordern.

Sie alle hatte sich Youlou in den drei Jahren seiner Präsidentschaft zu Feinden gemacht: die Gewerkschaftsführer, die er kurzerhand ins Gefängnis werfen ließ; die Minister, die er aus dem Kabinett entfernte, weil sie seine autoritäre Politik mißbilligten; die Oppositionspolitiker, die er ausschalten wollte, um eine Ein-Parteien-Herrschaft zu errichten; die Eingeborenenstämme, deren Fehden er nicht zu beenden vermochte; das Volk, das über das protzige Leben der Regenten immer erbitterter wurde. „Wir sind arbeitslos und hungern, während die Minister in großen Häusern leben, bis zu fünf Frauen haben und teure Reisen nach Paris machen.“ So erzürnten sich die Arbeitslosen in den Slums von Brazzaville.

Dennoch, so hatte man zunächst angenommen, würde Youlou Herr der Lage bleiben und rigoros mit harter Hand durchgreifen. Er galt nicht zu Unrecht als ein schlauer Fuchs, als ein geübter Taktiker, der mit seinen Gegnern nicht viel Federlesens machte und der sich den Massen geschickt als ein „Heiliger“ darbot. Ihn scherte es auch wenig, daß ihm, dem ehemaligen katholischen Priester, die Kirche die Ausübung seines geistlichen Amtes untersagt hatte, nachdem er Politiker geworden war. Er trug weiterhin seine schwarze oder weiße Soutane.

So war Youlou nicht bereit, alle Anzeichen der Unruhe unter den Kongolesen ernst zu nehmen. Als sich bei dem Besuch Sekou Tourés, des Staatschefs aus Guinea, in Brazzaville in die Jubelrufe auch Stimmen mischten, die forderten „Nieder mit Youlou“, da achtete er nicht auf sie. Ebensowenig störte es ihn, daß das Defizit in seinem 2,5-Milliarden-Haushalt inzwischen auf über 600 Millionen Mark gewachsen war. Er verließ sich auf die Macht, die er verkörperte, auf den Nimbus, den er sich als „Retter“ geschaffen hatte, und auf General de Gaulle, von dem er hoffte, daß er mit Soldaten und Subventionen jederzeit beistehen würde.

Youlous Rechnung ist nicht aufgegangen. Zwar kündigte er noch am Tag vor seinem Sturz an, er wolle die gesamte zivile und militärische Macht in seine Hand nehmen. Doch das fruchtete nichts mehr. Auch seine Bereitschaft, den Gewerkschaften und Oppositionsparteien Zugeständnisse zu machen, kam zu spät, zumal de Gaulle in eisiger Zurückhaltung verharrte.

Frankreichs Präsident hatte nicht nur seinen 3000 in Brazzaville stationierten Soldaten untersagt, den Aufruhr niederzuschlagen. Er ordnete jetzt sogar eine Überprüfung der Schutzverträge mit allen ehemaligen französischen Gebieten in Afrika an. Offensichtlich schrecken ihn afrikanische Verwicklungen. D. St.