Was uns die Herzen der Bevölkerung gewinnt, wird uns die Schlacht gegen den Kommunismus gewinnen“, sagte mir im November 1961 ein vietnamesischer Offizier, der mich im Dschungel des Vietcong-verseuchten Hochlandes mit auf Patrouille genommen hatte.

Er wußte, daß der zähe Partisanenkrieg mit den kommunistischen Guerillas aus dem Norden allein militärisch nicht zu gewinnen war: „Das eigentliche Schlachtfeld sind nicht die Sümpfe des Mekong-Deltas und die Urwälder längs der laotischen Grenze; das eigentliche Schlachtfeld liegt in den Herzen und Hirnen der 15 Millionen Südvietnamesen.“ Und Staatspräsident Ngo Dinh Diem, der mich damals in seinem panzerbewachten – inzwischen von meuternden Luftwaffenpiloten zerbombten – Unabhängigkeitspalast zu einem seiner stundenlangen Monologe empfing, drückte sich nicht viel anders aus als der Capitaine im Hochland-Dschungel.

Heute freilich, anderthalb Jahre danach, hat es ganz den Anschein, als sei Diem dabei, die Schlacht um die Herzen und Hirne seiner Untertanen zu verlieren. Ein Demokrat ist er ohnehin nie gewesen, sondern stets ein Diktator, und sein Staat ein harter Polizeistaat. Inzwischen jedoch hat sich herausgestellt, daß er kein erfolgreicher Diktator ist, sondern ein törichter – einer, der es fertiggebracht hat, zwei Drittel der Bürger seines Landes gegen sich aufzubringen: die Buddhisten. Und der Katholik Diem tat dies in einem Augenblick, in dem nichts mehr vonnöten ist als innere Einigkeit gegen den äußeren Feind.

Etwa 70 Prozent aller Südvietnamesen sind Buddhisten, rund 15 Prozent Katholiken. Aber diese Statistik erklärt die Krise noch nicht, die seit Mai im Lande Ngo Dinh Diems schwärt. Es ist nicht bloß eine religiöse Krise, sondern eine politische. Sie entzündet sich ebenso daran, daß die regierende Familie katholisch ist, wie daran, daß sie sich als herrschende Dynastie gebärdet.

Einige Mitglieder des Clans sind mit fanatischer Intoleranz katholisch: Diems Bruder Ngo Dinh Thuc‚ der Erzbischof von Hué, dessen undiplomatische Besessenheit den Vatikan bisher bewogen hat, ihm sowohl die Erzdiözese Saigon als auch einen Kardinalshut vorzuenthalten; sein zweiter Bruder Ngo Dinh Can, der politische Boß von Hué und Umgebung; sein dritter Bruder Ngo Dinh Nhu, der leidenschaftlich antiamerikanische Chefideologe des Regimes (und der Leiter der Geheimpolizei); schließlich dessen Frau, Madame Ngo Dinh Nhu, die alle Buddhisten für Verräter und potentielle Kommunisten hält und neulich, nach dem ersten freiwilligen Protest-Feuertod eines Mönches, verächtlich erklärte, die Buddhisten hätten nichts anderes getan, „als einen Mönch geröstet, und das nicht einmal mit landeseigenen Mitteln, sondern mit importiertem Benzin“. Der sonst so zurückhaltenden New York Times, die sie mit Evita Peron und Lukrezia Borgia verglichen hatte, schrieb Madame Nhu, sie würde solche „Provokateure“ auspeitschen – „und zehnmal, erst recht, wenn sie Mönchskutten tragen“.

Die Diem-Familie stammt aus Hué, der alten buddhistischen Kaiserstadt. Es ist vielleicht kein Zufall, daß gerade dort im Mai die ersten Unruhen ausgebrochen sind, als die Regierung an Buddhas Geburtstag die Entfaltung der fünffarbigen buddhistischen Flagge verbot. Eine Protestdemonstration wurde mit Maschinengewehren auseinandergetrieben; es gab neun Tote. Daraufhin richteten die Mönche fünf Forderungen an die Regierung. Sie verlangten das Recht, die buddhistische Flagge zu zeigen, gesetzliche Gleichstellung mit der römisch-katholischen Kirche und anderen Religionsgemeinschaften (nach einem alten Dekret gelten allein die Buddhisten ungeachtet ihrer Überzahl als „private“ Religionsgemeinschaft, die anderen sind offiziell anerkannt), Schutz vor willkürlicher Verhaftung, Glaubens- und Missionsfreiheit, Bestrafung der Verantwortlichen für das Massaker von Hué.

In den Pagoden beteten die Gläubigen für die Gewährung dieser Bitten. Doch Saigon rührte sich nicht. Statt dessen kam ein Abgesandter der Regierung, der die Pagoden mit Stacheldraht einzäunen und Proteste für illegal erklären ließ. Gegen demonstrierende Studenten wurde Anfang Juni – nach dem Bericht eines deutschen Arztes, der bis vor kurzem in Hué lebte – Giftgas eingesetzt. Mit Folterungen versuchte die Polizei danach, der widerspenstigen Buddhisten Herr zu werden.