Der Kampf zwischen Gedächtnis und Stolz

Von Peter R. Hofstätter

Sonnige Sommertage eigneten sich vorzüglich zur Abhaltung von Treffen aller Art. Landsmannschaften und die Traditionsverbände alter Regimenter kamen zusammen. Dabei konnte es wohl nicht ausbleiben, daß man vom Deutschtum sprach, von dessen eigentlicher Bedeutung und deren zeitweiliger Verkennung.

Man war beisammen, vertrug sich – von einer allerdings sehr ärgerlichen Panne abgesehen – gut und wünschte sich ein ganzes Volk von brüderlich vereinten Teilnehmern. Man verschwieg einander auch nicht, daß gerade man selber eine wichtige Rolle zu spielen verpflichtet und berechtigt sei, denn aus besonderem Anlaß habe die Landsmannschaft X oder der Kriegsteilnehmerbund Y den Ernst der Lage früher und deutlicher erfaßt als der Wohlstandsbürger schlechthin.

Es geht heutzutage bei solchen Treffen meist friedlich und im Prinzip friedliebend zu. Natürlich möchte niemand auf sein Recht verzichten; aber zu dessen Gewinnung führe nur das freiwillige Einverständnis aller Beteiligten, auch jener also, die bei dem großen Ausgleich der Interessen etwas herzugeben hätten.

In dieser – nach Lage der Dinge – durchaus vernünftigen Selbstbescheidung manifestiert sich, so wird dann nicht ohne Befriedigung festgestellt, der Charakter des deutschen Menschen. Das ist wohl auch nicht von ungefähr so, denn zu den symbolischen Attributen des Erzengels Michael, des Stammvaters unseres deutschen Michel, gehört nun einmal die Waage des gerechten Ausgleichs.

Nicht umsonst fällt ja auch sein Fest in die Zeit der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche, auf den Eintritt der Sonne also in das Tierkreiszeichen der Waage.