Gefahren aus der Retorte – DDT bis ins Mark der Knochen – Retter, die Leben zerstören (Schluß)

Von Rachel Carson

Zum erstenmal in der Weltgeschichte ist nun jedes menschliche Wesen vom Augenblick der Empfängnis bis zum Tode der Berührung mit gefährlichen Stoffen ausgesetzt. In den nicht ganz zwei Jahrzehnten, in denen die synthetischen Mittel zur Schädlingsbekämpfung in Gebrauch sind, haben sie sich so gründlich über die ganze belebte und unbelebte Welt verteilt, daß sie eigentlich überall vorkommen. Man hat sie in den meisten großen Flußsystemen wiederentdeckt, ja, selbst in den Grundwasseradern, die unsichtbar unter der Erde fließen. Rückstände dieser Chemikalien bleiben im Boden liegen, der vielleicht vor einem Dutzend Jahren damit behandelt worden ist. Sie sind so allgemein von Fischen, Vögeln, Reptilien, Haus- und Wildtieren aufgenommen worden und haben sich in deren Körper eingelagert, daß es Naturwissenschaftlern, die Tierversuche durchführen, fast unmöglich wird, Geschöpfe aufzutreiben, die frei von derartigen Verunreinigungen sind. Man hat diese chemischen Stoffe in Fischen weltabgeschiedener Bergseen gefunden, in Regenwürmern, die im Boden wühlen, in Vogeleiern und – im Menschen selbst. Denn sie werden jetzt von der überwiegenden Mehrheit der Menschen, gleichgültig welcher Altersstufe, im Körper gespeichert. Sie sind bereits in der Muttermilch und wahrscheinlich auch in den Geweben des ungeborenen Kindes vorhanden.

Zu alledem ist es gekommen, weil plötzlich eine neue Industrie entstanden ist, sich mächtig entwickelt hat und die vom Menschen neu geschaffenen oder synthetischen chemischen Verbindungen mit Insekten vernichtenden Eigenschaften in Massen herstellt.

Arsen überall

Was den synthetischen Insektiziden ihre Sonderstellung gibt, ist ihre ungemein starke biologische Wirksamkeit. Sie besitzen eine ungeheure Macht, sie können nicht nur vergiften, sondern schalten sich in die lebenswichtigen Vorgänge im Körper ein und ändern sie auf eine unheimliche und oft Tod bringende Weise. So zerstören sie, wie wir sehen werden, gerade die Enzyme, deren Aufgabe es ist, den Körper vor Schaden zu bewahren, sie blockieren die Oxydationsprozesse, aus denen der Körper seine Energie gewinnt, und sie verhindern die normale Funktion verschiedener Organe, vielleicht leiten sie auch in bestimmten Zellen die langsame und nicht mehr rückgängig zu machende Umwandlung ein, die zu bösartigen Wucherungen, zu Krebs führt.

Doch jedes Jahr werden der Liste neue und noch tödlichere chemische Stöffe hinzugefügt und und neue Anwendungsmöglichkeiten ersonnen, so daß die Menschen praktisch auf der ganzen Welt mit diesen Stoffen in Berührung gekommen sind. Die Produktion synthetischer Mittel zur Schädlingsbekämpfung stieg in den USA von rund 56 363 000 Kilo 1947 auf 289 240 000 Kilo im Jahre 1960. Das war eine Zunahme um mehr als das Fünffache. Der Verkaufswert dieser Erzeugnisse im Großhandel betrug gut über eine Viertelmilliarde Dollar. Aber nach den Plänen und Erwartungen der Industrie ist diese enorme Produktion erst ein Anfang. Wenn wir auf so vertrautem Fuße mit diesen chemischen Stoffen zu leben gedenken – sie essen, trinken und selbst ins Mark unserer Knochen aufnehmen – sollten wir wohl etwas von ihrer Natur und ihrer Wirkungsweise wissen.