Am Montag, dem 26. August, 11.25 Uhr, passierten zwei Männer am Kontrollpunkt Herleshausen die Zonengrenze in Richtung Osten. Mit Blumen waren sie in der Bundesrepublik verabschiedet worden, mit Blumen wurden sie in der DDR begrüßt.

Normale Grenzgänger erhalten keine Blumen – und schon gar nicht auf beiden Seiten. Diese beiden Männer aber waren weder Flüchtlinge aus der DDR, noch Träumer, die in der DDR das Paradies der Werktätigen suchten. In ihre Geschichte mischen sich spontane menschliche Anteilnahme und kaltes politisches Kalkül auf merkwürdige und beklemmende Weise. Es ist eine Geschichte, wie sie nur im geteilten Deutschland möglich ist.

Sie begann am 17. August. An diesem Tag schoben zwei DDR-Gefreite, Siegfried Merten, 22, und Franzi Pfeiffer, 22, Wache an der hessisch-thüringischen Zonengrenze. Sie hatten, wie alle Grenzsoldaten der DDR, den Auftrag, jede Flucht zu verhindern – notfalls mit der Waffe. An jenem Augusttag war an der Grenze alles ruhig. Den beiden Posten wurde es langweilig. Sie stiegen vom Wachtturm herunter und patroullierten längs des Todesstreifens. Dabei näherten sie sich einer Gruppe Jugendlicher auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Es waren junge Ausländer, die als Mitglieder des Aufbauwerkes der Jugend Feldwege in Altenburschla bauten, und einige "Junge Falken" aus Moers/Niederrhein.

Pfeiffer und Merten wurden neugierig. Sie vergaßen ihre strengen Dienstvorschriften, schwangen sich über die Grenzzäune und kamen bis zum Weg an die Grenze heran. Etwa eine halbe Stunde lang unterhielten sie sich mit den Jugendlichen. Das Gespräch war freundlich; politische Fragen wurden nicht berührt.

Bei der Rückkehr über den Todesstreifen passierte das Unglück. Die beiden Soldaten gerieten in ein ihnen unbekanntes Minenfeld. Drei Minen gingen hoch. Blutend und hilflos lagen Merten und Pfeiffer in der verbotenen Zone. Kein anderer Grenzsoldat war in der Nähe, niemand auf ihrer Seite, der ihnen hätte Hilfe bringen können. Da machten sich zwei Gewerkschaftssekretäre aus der Bundesrepublik und ein junger Engländer auf und zogen die beiden Schwerverletzten auf westdeutsches Gebiet und brachten sie ins Eschweger Kreiskrankenhaus. Am gleichen Abend wurden sie operiert: Unterschenkelamputation.

Die Einheit, zu der Mertens und Pfeiffer gehörten, erfuhr erst um Mitternacht durch eine Meldung des Hessischen Rundfunks von dem Unglück. Knapp 24 Stunden später "ersuchte" Bataillonskommandeur, Hauptmann Lerch, in einem Telegramm an den Eschweger Landrat Eitel Höhne (SPD) "die sofortige Rückführung der beiden Genossen" in die Wege zu leiten. Während der Landrat noch mit dem Hauptmann telefonierte, standen an der Straße Kleintöpfer-Altenburschla bereits die Sanitätskraftwagen der "Volksarmee". Sie warteten vergeblich, die beiden Schwerverletzten waren nicht transportfähig.

Für Siegfried Merten und Franzi Pfeiffer begann nun eine schwere Woche. Die Schmerzen und die Erkenntnis, daß sie für immer Krüppel sein würden, waren schon schlimm genug. Fast noch mehr aber litten die beiden Soldaten unter der Sorge, was für politische Konsequenzen ihr Unfall zeitigen werde. Sie sprachen unentwegt von ihren Kindern und Frauen. Mußten de nicht glauben, sie hätten sie im Stich lassen wollen?