Der Geldmarkt im Herbst

Der Halbjahresultimo war für die Banken in diesem Jahr ausgesprochen schwer. Während des Juni war der Geldmarkt ständig angespannt, Der Satz für Tagesgeld lag stets über der Bankrate von drei Prozent.

Die Gründe für die Liquiditätsverschlechterung sind bekannt: Die Überschüsse der Zahlungsbilanz haben fast, aufgehört; es floß per Saldo kaum noch Liquidität von der Außenhandelsseite ein. Die öffentliche Hand dagegen sammelte Mittel in ihren-Kassen an und baute „Juliustürme“ auf. Dadurch wurden den Banken erhebliche Mittel entzogen, die sie sich bei der Notenbank durch Diskontierung von Wechsein beschaffen mußten. Immerhin betrug der Bestand dieser Inlandspapiere bei der Deutschen Bundesbank am 5. Juli 3,2 Milliarden DM. Das war ein seit Jahren nicht mehr erreichter Höchststand. Am Vergleichstag des Vorjahres war der Betrag mit 1,5 Milliarden nur halb so groß. Inzwischen hat er sich jedoch bis Ende August wieder auf etwa 1,3 Milliarden DM ermäßigt.

Die Geschäftsbanken nehmen den Notenbanckredit nicht gern in Anspruch, obwohl er mit einem Diskontsatz von 3 Prozent billig ist, jedenfalls billiger als in den USA, wo er zur Zeit 3,5 Prozent beträgt. Das Diskontieren von Wechseln macht Arbeit. Vor allem aber führt es zu einer Abhängigkeit von der Notenbank, die niemand gern eingeht.

Man kann sehr gut verstehen, daß die Geschäftsbanken dem September, den ihre Disponenten von jeher als einen schweren Monat bezeichnen, mit einiger Sorge entgegensehen. Er bringt einen großen Steuertermin. Wie stets im Herbst stellt die Kundschaft größere Anforderungen, was die Dispositionen der Banken schwieriger gestaltet. Am Ende des Monats folgt ein bedeutsamer Coupon-Termin, der flüssige Mittel beansprucht.

Trotzdem brauchen die Banken nicht zu befürchten, daß sich die Anspannungen vom Juni im damaligen Ausmaß wiederholen. Ein gewisser Wandel in der Liquiditätssituation bahnt sich an. Die Zahlungsbilanz ist nicht mehr passiv; im Gegenteil, die Währungsreserven der Notenbank haben sich wieder etwas erhöht. Dabei handelt es sich für die beiden letzten Monate allerdings nur um etwa 300 Millionen, was auf das Ganze gesehen nicht sehr viel ist, aber immerhin den Tendenzumschwung anzeigt.

Die Ausgaben des Staates werden in der zweiten Jahreshälfte recht hoch sein. Bund und Länder haben ihre Etats verabschiedet; sie können daher freizügig Zahlungen leisten. Während der Bund zur Zeit kaum noch Kassenreserven hat, bauen die Länder ihre Guthaben ab, und zwar um erhebliche Beträge. Warum, läßt sich nicht genau sagen. Einmal sind es die Haushaltsreste (dies sind in früheren Etatjahren bereitgestellte Beträge, die erst jetzt als Folge des langsamen Baufortschritts benötigt werden), die kleiner werden und zu einer Beanspruchung der Kassen führen. Von Bedeutung ist wohl auch, daß die Auseinandersetzung zwischen Bund und Ländern über den rechten Anteil am Einkommen-Körperschafts-Steuer-Aufkommen nach den Parlamentsferien wieder aufgenommen werden. Sicherlich haben die Länder kein Interesse daran, daß allzu große Beträge im gläsernen Portemonnaie bei der Notenbank liegen. Also suchen sie Möglichkeiten, sie zu verstecken. Große Baugesellschaften erhalten Vorschüsse, den Kommunen wird Kassenhilfe gewährt und anderes mehr.

Der Abbau der Kassenreserven dürfte der Notenbank bei der derzeitigen konjunkturellen Situation keine allzu große Sorgen bereiten. Jedenfalls wird sie wohl keine Veranlassung dafür sehen, den Bewegungsspielraum der Geschäftsbanken durch kreditpolitische Maßnahmen weiter zu verengen. Das bedeutet allerdings nicht, daß die Zügel locker gelassen werden. W. R.