An der New Yorker Börse hat sich in den letzten Wochen eine kräftige Kurserholung durchgesetzt. Stellt sie den Beginn einer neuen, länger anhaltenden Aufwärtsbewegung dar? Mancher Börsianer behauptet, daß der amerikanische Aktienmarkt in den kommenden Monaten noch „interessanter“ sein wird als der deutsche, dem man allgemeinhin wohlwollende Prognosen stellt. Folgende Gesichtspunkte sprechen nach Ansicht vieler Börsenfachleute für eine feste Haltung der US-Aktienmärkte:

1. Die Konjunktur wird sich in den USA langsam verbessern. Die von Kennedy in dieser Richtung eingeleiteten Maßnahmen, besonders auf steuerlichem Gebiet, werden auf die Dauer nicht ohne Wirkung bleiben.

2. Da ein großer Teil der amerikanischen Anleger von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten ist, sind diese Kreise gezwungen, künftig ausschließlich US-Wertpapiere zu erwerben. Angesichts der inflationistischen Gefahren werden sie sich auf Aktien konzentrieren. Da für kanadische Wertpapiere Ausnahmeregelungen gelten, werden auch diese von den zu erwartenden Mehrkäufen profitieren.

3. Die Diskussionen über eine mögliche Dollarabwertung werden nicht mehr zu unterdrücken sein und den Zug der Anleger in die Aktien verstärken. Spekulativ werden sich auch internationale Kapitalanleger auf den US-Aktienmärkten engagieren, weil nach landläufiger Ansicht bei Währungsabwertungen die Aktienkurse steigen müssen, wie sie im umgekehrten Falle, wie wir bei der DM-Aufwertung gesehen haben, zu fallen pflegen. Eine solche Spekulation hat aber nur Sinn, wenn man noch vor dem allgemeinen Kursanstieg kauft.

Natürlich lassen sich gegen diese Argumente viele Einwände erheben. Ich habe Sie Ihnen jedoch mitteilen wollen, meine verehrten Leser, damit Sie einen Einblick in die gegenwärtig in den Börsensälen herrschende Denkweise bekommen. Selbstverständlich werden regelmäßig die Gerüchte über Dollarabwertung und Goldpreiserhöhung dementiert und niemand rechnet wohl auch ernsthaft damit, daß solche einschneidenden Veränderungen bereits in allernächster Zeit erfolgen werden. Andererseits wissen wir nur zu gut, was wir von offiziellen Währungsdementis zu halten haben. In solchen Fragen ist es nicht nur das Recht der Regierungen und Notenbanken, sondern sogar ihre Pflicht, die Unwahrheit zu sagen. Jeder Kaufmann und jeder Kapitalanleger muß sich in Währungsfragen ein eigenes Urteil bilden.

Und auch folgendes will ich nicht verschweigen: Nicht wenige Fachleute sind der Ansicht, daß die New Yorker Börse den Konjunkturaufschwung bereits eskomptiert hat und die Berufsspekulanten jetzt darauf warten, daß das breite Sparerpublikum in die Aktien steigt, um dann die teilweise beträchtlichen Kursgewinne einstreichen zu können. – Diese These hat manches für sich, wäre aber nur dann ein Grund, vom Kauf amerikanischer Aktien Abstand zu nehmen, wenn man die Konjunkturbelebung nur als ein relativ kurzes Zwischenspiel zur Herstellung eines günstigen Präsidentenwahl-Klimas ansieht.

Die deutschen Anleger haben sich von der amerikanischen Börse in ihrer Masse bisher weitgehend fern gehalten. In den vergangenen Jahren war der deutsche Aktienmarkt interessanter. Überdies bestand über die amerikanischen Aktien weitgehende Unkenntnis. Außerdem wirkt begreiflicherweise die Beschlagnahme des deutschen privaten Auslandseigentums während des Krieges psychologisch gegen erneute Auslandsinvestitionen, Das ständige „Nein“ der USA in der Frage der Rückgabe des privaten deutschen Eigentums macht die Sache nicht besser.