Daß der Verleger Christian Wegner am 9. September auf das stolze Alter von siebzig Jahren zurückblickt, das sieht ihm niemand an. Noch immer rennt und redet er, wie es geschwinder nicht möglich wäre. Wobei sein Gang sehr sicher und sein hamburgischer Akzent sehr präzise bleibt.

Gibt es Verleger-Biographien, die so und nicht anders aussehen können?

Mich jedenfalls rührt der Gedanke, daß manches Detail in Wegners Leben durchaus rowohltisch ist. Wie der unvergeßliche Ernst Rowohlt vom Sortiment Johs. Storm in Bremen unwiderstehlich angezogen wurde, so Wegner, der nach dem Abitur dort seine Lehrzeit genoß. Der eine wie der andere kam dem Insel-Verlag und dem Germanisten Wittkowski nahe; der eine wie der andere war Fliegeroffizier im Ersten Weltkrieg, und beide wurden im Zweiten Weltkrieg als „wehrunwürdig“ abgestempelt. Wegner erduldete, der „Wehrkraftzersetzung“ beschuldigt, sogar eine zehnmonatige Gefängnisstrafe, ehe er – degradiert – als „Bewährungssoldat“ dorthin „geworfen“ wurde, wo die Ostfront am heißesten war.

Courage also ist Merkmal auch dieses norddeutschen Verlegers; Mut zum Protest. Als er unter der Firma „The Odyssey Press in Hamburg den „Ulysses“ von James Joyce und die „Lady Chatterley“ von Lawrence, die in Amerika und England verboten waren, in englischer Sprache herausbrachte, zählte man immerhin schon das Jahr 1933, und in Berlin sah man solche Einmischung in ausländische Literatur-Sachen gar nicht gern.

Wegner, der Frankreich liebt, ging nach Paris. Aber er kehrte 1936 zurück, um dem Verleger Kurt Enoch die Auswanderung zu ermöglichen. Dessen Buch- und Zeitschriften-Großhandlung übernahm er rasch, führte sie als „Grossohaus Wegner & Co.“ erfolgreich bis heute weiter und gründete dazu noch den eigenen Verlag, für den er die Autoren Hans Leip, Sackville-West, Erwin Redslob, R. A. Schröder und Goldschmit-Jentner („Begegnung mit dem Genius“; gewann.

Erfolg hat auf die Dauer nur der Vitale. Wegner hat in den Aufbaujahren nach demKriege mit seiner enormen Vitalität nicht nur die großartige, von Erich Trunz herausgegebene und schon 1948 begonnene „Hamburger Goethe-Ausgabe“ vorangetrieben (so wie er die Werke Hölderlins, Büchners, Kleists noch einmal und sehr bewußt edierte); er hat uns nicht nur mit Frankreichs neuester Literatur bekannt gemacht, sondern er war und bleibt unermüdlich auch für die Organisation der Verleger, des „Börsenvereins“, der „Frankfurter Buchmesse“ tätig.

Man könnte sagen: Noch immer verschleißt er seine Kräfte für das Wohl der Allgemeinheit, sei es als Mitglied der hamburgischen Kulturdeputation, des Aufsichtsrats des „Thalia-Theaters“, des Verwaltungsrates der öffentlichen Bücherhallen; aber man kann es nicht sagen, weil es abwegig wäre, bei Wegner an Kräfte zu denken, die sich verschleißen.