Günter Grass ist sich treu geblieben: so treu, daß sein neuer Roman zunächst einmal als eine einzige, variationsreich verschleierte Wiederholung der „Blechtrommel“ und eine breit ausgeführte und durch mancherlei Details bereicherte „Katz-und-Maus“-Reprise erscheint – Wiederum (wie könnte es auch anders sein?) steht Danzig im Zentrum des Buchs; wieder gelangt der Leser von der Weichsel zum Rhein, vom Rand Kaschubiens ins wirtschaftswunderliche Düsseldorf; wieder wird der gleiche Zeitraum, von den zwanziger Jahren bis heute, durchmessen. Vertraute Figuren stellen sich ein: Pilenz und Mallenbrandt, Schugger Leo und die Stäuberbande mitsamt ihrem trommelnden Helden.

Auch das Motivarsenal ist bekannt – Schlagballspiel und Brandstiftung, die Zubereitung eines widerlichen Gerichts, der Tanz der durstigen Aale und das makabre Lokal: Der Zwiebelkeller hat sich in eine medizinische Schlemmerboutique verwandelt, mit Kellnern im Chirurgengewand. Das Kuriositätenkabinett, in dem man bisher nur Oskars blecherne Trommel und Joachims gewichtigen Adamsapfel bestaunte, sieht sich durch Eddi Amsels Vogelscheuchen und Walter Materns magisches Knirschen aufs schönste bereichert; die Irrenanstalt erscheint als Kalibergwerk, und was schließlich die Protagonisten, Matzerath und Mahlke, betrifft, so ist an ihre Stelle eine Helden-Trias getreten, die aus dem Danzig-Kenner Harry Liebenau (Tulla Pokriefkes Vetter, Sie wissen) sowie den Weichsel-Dioskuren Matern und Amsel besteht: der eine von Vaterseite her jüdisch, jedoch evangelisch getauft, der andere ein Müllerssohn katholischen Glaubens; der eine ein dicker Tausendsassa, der andere hager, judasgleich und zerrissen. Sancho Pansa und Don Quichotte, wenn man so will; Herr und Knecht, die aufeinander angewiesen sind.

Wieder ist Pikareskes im Spiel; wieder, wie in der „Blechtrommel“, wird das Muster des Schelmen- und Entwicklungsromans variiert; wieder kommen die Helden nach mancherlei Aventiuren ans Ziel: Winkte einst die Heilanstalt als lockendes Mal, so öffnet jetzt die Bergwerkshölle ihre mit Vogelscheuchen aller Art gefüllten Firstkammern und Schächte.

Grass, das weiß man, ist ein Moritatenerzähler von Rang; ein vielbelesener Mann, dem die Schelmenstory abermals Gelegenheit gibt, das Vertrauteste, mit Hilfe keck parodistischer Volten, in neuer Beleuchtung zu zeigen. Anspielungsreich, mit mancherlei Bildungsverweisen – die Parzival-Reminiszenz im ersten Roman! –, stellt er die Dinge auf den Kopf und bedient sich so jener erlauchten Methode, mit deren Hilfe die Autoren gerade in unserer Zeit der Wirklichkeit neue, von der Reportage und der Photographie nicht erfaßbare Nuancen abringen. Ein einziger Kunstgriff, eine winzige Drehung des Glases – und schon sind die Fronten verkehrt: Hitler erscheint als ein Trabant des närrischen Schweyk (nicht umgekehrt!); „es geht gar nicht, um Polen“, denkt Matzerath, „es geht um mein verlorenes Blech“; der Untergang des Dritten Reichs präsentiert sich als Fußnote zum Haupttext, der den Verlust eines Hundes behandelt.

Naturalistische Praktiken sind Grass durchaus fremd; das Kleine ist groß, das Erhabene niedrig; die Realitätspartikel – Namen, termini technici und verifizierbare Details – werden fast immer gebrochen, künstlich gespiegelt, zitathaft stilisiert, auf den Kopf gestellt oder wie im Trickfilm zerhackt – und diese sehr überlegen gehandhabte Brechungsmethode, in der „Blechtrommel“ vorexerziert, fungiert (so scheint es anfangs) als Generalprinzip des neuen Romans. Man erinnere sich an die Geschichte von Truczinskis Rücken oder an den Kokoslaüfer vor Matzeraths Tür: Signifikante Details, antizipierte Einzelheiten tauchten auf, deren Bedeutung für das Handlungsganze sich erst in der ergänzend-nachholenden Beschreibung erwies. Und was Grass einst in Kapiteln probierte – Vorwegnahme und späte Erhellung; apokryphe Andeutung und schrittweises Erläutern; Demonstration eines grell beleuchteten Bildes und Rekapitulation seiner Teile – diesmal versucht er’s im Buch, und das ist nicht gut.

Denn mag die Umkehr der vertrauten Erzählweise, das Hysteron-Proteron, auch für den Autor ein Spaß sein – für den Leser ist’s eins Strapaze, weil, er nicht darum herumkommt, die 682 Seiten der „Hundejahre“ gleich zweimal zu lesen. Erst wenn er das Ganze kennt, versteht er die Teile; erst wenn ihm der Schluß vertraut ist, begreift er den Anfang:

„Erzähl Du. Nein, erzählen Sie! Oder Du erzählst. Soll etwa der Schauspieler anfangen? Sollen die Scheuchen, alle durcheinander? Bitte, fangen Sie an! Schließlich hat Ihr Hund damals. Doch bevor mein Hund, hat schon Ihr Hund und der Hund vom Hund. Einer muß anfangen: Du oder Er oder Sie oder ich...“