Sie halten Sippimg, verbeugen sich vor dem Uhu und haben souveräne Reyche: Schlaraffen

Von Elmar Lang

Die Gesellschaft Schlaraffia, eine klubähnliche Vereinigung von Männern, die in fast allen deutschen (ebenso in österreichischen und Schweizer) Städten existieren, wird seit Dezennien in scherzhafter Weise mit einer bekannten Matratzen-Marke verwechselt. Schlaraffen pflegen das auch heute noch mit einem höflichen Lächeln zu quittieren, ohne den Scherzbold spüren zu lassen, daß sie sich darob gelangweilt fühlen.

Maria – eine junge hübsche Dame, die meine freundschaftlichen Gefühle mit Artigkeit erwidert – Maria also war nach Jugoslawien gefahren und hatte in Zagreb ein Buch entdeckt. „Als ich dieses Buch sah“, so sagte sie, „dachte ich sogleich an Sie.“ Sowas tut immer gut – welch schmucker Vierziger würde sich darob nicht behaglich fühlen, wenn eine taufrische Dame im fernen Jugoslawien noch an ihn denkt. Meine Frau sagte, ich solle mir nicht zuviel einbilden, ich sei ohnehin schwer genug zu ertragen. Nein, ich habe die Chronik des derzeit nicht bestehenden Schlaraffenreyches Zagrabia, das am 1. 10. anno Uhui 45 (1893) gegründet wurde, noch nicht. Maria wird es mir schicken, aber ich kann mir das Buch vorstellen und seine vielen Verfasser. Das Gründungsdatum liegt 17 Jahre später als das meines eigenen Heimatreyches Aquisgranum. Wie alle Reyche in den Ostblockstaaten wurde die Zagrebia verboten. Der freiheitliche Geist der Schlaraffia paßt den dortigen Parteigenossen ebenso wenig ins Konzept wie den verflossenen großdeutschen Tausendjährigen. Diktatoren schätzen die Menschen nicht, die sich einen privaten Gedankenbezirk reserviert haben. Auch die eine oder andere unserer mit einem Anflug geistiger Hegemoniebestrebungen behafteten Institutionen ist der Schlaraffia nicht mit unbedingter Liebe zugeneigt, denn sie entzieht sich jeder geistigen Betreuung. Sie hat ihre eigenen Ideale. Das stete Bemühen, diese erstrebenswerten Ziele möglichst zu erreichen, hielt diese nun über hundert Jahre alte Gesellschaft Schlaraffia frisch und munter. Das ist im Grunde erstaunlich in einer Zeit, in der andere, ebenso nur auf die Vermittlung intellektueller Werte bedachte Gesellschaften vielerorts über Mitgliederrückgang klagen. Freilich, erstaunlich nur für den Außenstehenden, den „Profanen“; wer selbst Schlaraffe ist, der kennt die Quellen dieser Beständigkeit.

Am Namen „Schlaraffia“ liegt das sicherlich nicht, der ist eher ein Handikap, das seit über einem Jahrhundert mitgeschleppt wird – wer aber wollte einen mit der Zeit schon fast ehrwürdig gewordenen Appendix heute noch abschneiden? Wer, nach der Bedeutung der weißen Nadel in der Ecke seines Rockaufschlages gefragt, diese als die „Rolandsnadel“ der Schlaraffia erklärt, dem begegnet immer wieder die naheliegende Ideenverbindung mit dem Märchen vom Schlaraffenlande. Aber wenn auch nicht abgestritten werden soll, daß Schlaraffen gern gut essen, so hat die sich aus der Märchen-Assoziation ergebende Möglichkeit, gebratenes Geflügel mit dem offenen Munde aufzufangen, mit dem „schlaraffischen Ideal“ nichts zu tun. Um 8000 erwachsene Männer wöchentlich einmal zusammenkommen zu lassen – und-das praktisch ein ganzes Leben lang –, bedarf es eines anderen Anreizes, als das zum Symbol erhobenen Reisrandes mit Huhn.

Wie der 1859 in Prag gegründete Künstlerklub, der sich anfangs aus Opposition gegen das Upper-Ten-Gehabe der dort zeitweise tonangebend gewesenen Gesellschaft „Arkadia“ den herausfordernden Namen „Proletarierklub“ beigelegt hatte, an den Namen „Schlaraffia“ gekommen ist, das ist heute nicht mehr zu ermitteln. Am nächstliegenden ist noch der Zusammenhang mit dem mittelhochdeutschen Wort „Schlauraffe“, das man am besten mit „Nichtsnutz“ übersetzt. Es ist in der Tat ein alter, ungeschriebener Grundsatz, daß die Mitgliedschaft in der Schlaraffia weder materiellen Nutzen bringen soll noch von irgendwelchen materiellen Erwägungen bestimmt wird. Es gibt natürlich „Geschäftsschlaraffen“, aber keiner unternimmt etwas gegen sie, das wäre lästig, zeitraubend und auch unnötig: Sie stellen sich meist selber sehr schnell außerhalb der festgefügten Gemeinschaft, und das Ende ist dann ein Name mehr unter der Rubrik „Ausgeschieden“ oder „Gestrichen“ in „derer Schlaraffen Zeyttungen“. Darüber regt sich keiner auf. Das Prinzip der „Nicht-Nutzigkeit“ ist sehr stark. Schlaraffia ist ein Spiel, und ein Spiel kann nur echt sein, wenn es ernsthaft gespielt wird, und daher ist es untunlich, die Kreise der Spielenden zu stören.

Jeder Gast ein Pilger