Von Rudolf Walter Leonhardt

Eines Tages erreichte uns ein Manuskript mit dem Titel "Bewältigte Vergangenheit?" und einem Begleitschreiben, in dem es hieß: Der. Rundfunk hatte Bedenken dagegen, das zu senden – wollen Sie es drucken?

Hätten wir damals "nein" gesagt, wäre die Bundesrepublik um einen Skandal ärmer. Aber wir haben nun einmal eine unüberwindliche Vorliebe für Professoren, die öffentlich zu vertreten bereit sind, was sie besten Wissens und Gewissens als Wahrheit ermittelt zu haben glauben. "Ich teile Ihre Ansicht nicht", sagte einst Voltaire in einem Gespräch, "aber ich bin bereit, dafür, daß Sie sie äußern dürfen, mein Leben einzusetzen."

Wir wissen, daß Deutschland nie einen Überfluß an Geistern wie Voltaire gehabt hat – und so bemühen wir uns denn, soweit es in unseren Kräften steht, dem französischen Aufklärer nachzueifern.

In dem Artikel "Bewältigte Vergangenheit?" plädierte Peter Hofstätter dafür, gerichtliche Verfolgungen unermeßlicher Verbrechen, die achtzehn Jahre und länger zurückliegen, nunmehr einzustellen, weil das Ungeheuerliche nicht in bürgerlichen Gerichtsverfahren gesühnt werden könne und weil solche Prozesse die Gefahr mit sich brächten, daß das Gewissen allzu vieler auf Kosten allzu weniger entlastet würde: Sündenböcke, auf die sich alle Verzweiflung über Geschehenes wie über Gegenwärtiges konzentriere.

Ich fügte diesemArtikel folgendeZeilen hinzu: "Professor Dr. Peter Hofstätter ist Direktor des Psychologischen Instituts an der Universität Hamburg. Zur Veröffentlichung seiner Fragen haben wir uns nach einigem Zögern entschlossen. Die Gefahren liegen auf der Hand. Der Artikel ist von der Art, bei der – wie Erfahrung lehrt – statt des Ganzen einzelne Sätze wirken (dazu heute: oh, mein prophetisches Gemüt!), die dann empört abgelehnt oder mit Beifall von der falschen Seite begrüßt werden können. Auch sind wir nicht in der Lage, uns Hofstätters Schlußfolgerungen zu eigen zu machen. Aber daß seine Fragen gestellt werden – das scheint uns wichtig."

Das Echo auf Hofstätters Provokation war zunächst – wie erwartet – berechtigter Widerspruch und immerhin begreifliche Empörung.