M. K. Zürich, Anfang September

Mitte August ist in Zürich eine neue politische Partei gegründet worden, deren einziges Ziel es ist, die vorwiegend aus Italien stammenden Fremdarbeiter aus der Schweiz wieder hinauszuwerfen. Die vom Boulevardblatt „Blick“ hochgespielte Parteigründung einiger unzufriedener Bürger weckte ein unerwartet starkes Echo in allen Landesteilen. In wenigen Tagen trafen etwa dreitausend Briefe beim Parteigründer ein – meist begeisterte Zustimmung. Nachdem das Fernsehen ein Interview mit dem Parteigründer gesendet hatte, schaltete sich sogar der Botschafter Italiens mit einem Protest ein; die italienischen Zeitungen nahmen sich des Falles an.

Mittlerweile hat die Leitung der Partei bereits gewechselt. Das Werk dieser Unzufriedenen scheint nicht von Bestand zu sein. Gleichwohl hat der mutwillig in den sommerlichen Teich geworfene Stein so hohe Wellen geschlagen, daß dem Fall eine gewisse symptomatische Bedeutung nicht abgesprochen werden kann. In der Tat ist das Überfremdungsproblem in eine kritische Phase eingetreten.

Die letzten statistischen Angaben stammen aus dem Februar 1963. Unter den rund fünf Millionen Schweizern befanden sich damals 74 883 Deutsche, 20 524 Franzosen, 323 148 Italiener, 26 340 Österreicher, 44 186 Spanier, 23 331 andere Ausländer (vor allem Griechen), 161 086 Niedergelassene verschiedener Nationalität – insgesamt also 673 498 Ausländer. Das heißt, daß mehr als ein Zehntel der Bevölkerung Ausländer sind, worunter die fast 400 000 Italiener das größte Kontingent stellen. Einschließlich der nur im Sommer hier arbeitenden Saisonarbeiter wird die Zahl der Fremdarbeiter auf etwa 750 000 geschätzt.

Es gibt Stadtviertel und Dörfer, in denen fast ausschließlich Italiener leben, italienisch gesprochen wird und der deutschsprachige Schweizer zur Minderheit gehört. Obwohl das Italienische die dritte Landessprache ist und die Tessiner immer in gutem Einvernehmen mit den übrigen Schweizern gelebt haben, entstehen daraus jetzt echte Bevölkerungsprobleme.

Natürlich ergeben sich daraus auch politische Probleme, da die meisten italienischen Arbeiter Kommunisten sind. Die Fremdenpolizei hat kürzlich einige Fremdarbeiter ausgewiesen, weil sie kommunistisches Propagandamaterial verteilt hatten – eine Maßnahme, die sehr fragwürdig ist, da es sich dabei nicht etwa um einen Versuch gehandelt hat, in die eidgenössische Politik einzugreifen. Die Aktion zeigt aber, daß auch bei den Behörden eine gewisse Nervosität besteht.

Die Industrie hat allzu lange nach Fremdarbeitern gerufen, ohne die sozialen und politischen Probleme hinreichend zu bedenken, die sich aus einer derart weitgehenden Überfremdung zwangsläufig ergeben müssen. Erscheinungen wie die erwähnte Parteigründung deuten nun darauf hin, daß mit politischen Reaktionen zu rechnen ist, die teilweise an jene Programme aus den dreißiger Jahren gemahnen, in denen Blut und Boden beschwört worden sind.