Ein Porträt der CSU-Landesleitung

Von Otto v. Loewenstern

Für wen spricht und handelt Franz-Josef Strauß? Die Antwort lautet: Für eine Partei, die keineswegs geschlossen hinter ihm steht. Die CSU war sich, was Straußens Person anbetrifft, noch nie so uneinig und so sehr im Zweifel wie jetzt. Man muß im Auge behalten, daß Strauß Anfang Juli nicht etwa, wie es die ihm ergebene Deutsche Tagespost zu behaupten wagte, vom „Parteivolk“ wiedergewählt wurde. Tatsächlich bestätigten ihn ausschließlich Partei Funktionäre in seinem Amt, von denen nicht wenige darum bangten, sie könnten sonst einer durchgreifenden „Parteisäuberung“ durch einen neuen Landesvorsitzenden zum Opfer fallen. Doch ist er, wenngleich mit Getöse, korrekt gewählt worden und damit legitimiert, die CSU nach außen zu vertreten. Die Frage bleibt: Auf wen stützt sich Strauß?

Erörterungen darüber müssen sich, weil die CSU eine vielschichtiges, heterogenes Gebilde ist, auf die Führungsspitze beschränken. Weder sind die Katholiken oder die Bauern für Strauß noch die Studenten oder die Oberpfälzer gegen ihn. Sein Name ist gleichbedeutend mit einem Riß, der durch alle Gruppen und Grüppchen der CSU geht – und manchmal sogar durch die Brust der einzelnen Politiker. Sein exponiertester und unerbittlichster Gegner in der Partei beispielsweise, Baron Guttenberg, vertritt eine außenpolitische Konzeption, die sich mit der Straußens deckt. Ebenso gibt es Gebiete, auf denen Strauß und Hundhammer einer Meinung sind.

Vorbehaltslos hingegen, obschon anonym, stand stets hinter (oder vor? oder neben?) Strauß die Münchner Lazarettstraße. Dort befindet sich die Landesleitung, das Hauptquartier der CSU, und unter diesen Begriff fallen die Spitzenfunktionäre, die sich mit Strauß in die Herrschaft über die Partei teilen. Auf diese Führungskräfte stützte sich Strauß; sie stützten ihn und stützten sich ihrerseits wiederum auf ihn. Indessen ist die Lazarettstraße heute nicht mehr jene Strauß-Bastion, die sie vor wenigen Monaten noch war.

Der Landesvorsitzende der CSU hat zwei Stellvertreter, die nach konfessionellen Gesichtspunkten delegiert werden. Die evangelische Minderheit repräsentiert Rudolf Eberhard, mit Abstand der ehrgeizigste bayerische Politiker, Finanzminister seines Landes und Inhaber schier zahlloser dekorativer Titel.

Eberhard dürfte – abgesehen von Hundhammer – fachlich Bayerns bester Minister sein. Er ist ausgestattet mit einem sehr präzise arbeitenden Verstand, einer gehörigen Portion Energie, brillanten rhetorischen Gaben und jenem Quantum Stehvermögen, das jeder braucht, der sich durchsetzen möchte. Auf der anderen Seite schaden ihm seine ausgeprägte Eitelkeit, seine Hoffart speziell niederen Chargen gegenüber, die er oft unnötigerweise verletzt, und die Tatsache, daß er ein hemmungsloser Pragmatiker ist. Wäre er Katholik, so wäre er heute wohl bayerischer Ministerpräsident; daß ihm, dem Protestanten, dieses Amt verschlossen bleibt, erfüllt ihn mit Verbitterung.