Einmal hatte ich Gelegenheit, einen sowjetischen Offizier zu sprechen, der mit einem Spionageauftrag in den Westen geschickt und ertappt worden war. „Nachdem man mich genug geschlagen hatte ...“, so begann einer seiner Sätze. Obwohl frei von Sympathie für die Tätigkeit des Spions, der am anderen Tage nach Amerika gebracht werden sollte, fühlte ich, wie Entsetzen und Zorn mich packten. „Geschlagen? Wer hat Sie geschlagen?“ – „Die amerikanische Militärpolizei!“ – „Und da wehren Sie sich nicht, nach Amerika gebracht zu werden? Und da sagen Sie, die USA seien Ihnen, weil es ein Zurück nach Rußland für Sie nicht mehr gibt, immer noch lieber als ein europäisches Land?“ Er antwortete: „Die Polizei prügelt in allen Ländern der Welt.“ Er sagte es in so gelangweiltem Ton, als hieße es: ‚Es gibt auf Erden kein Gebiet, in dem’s nicht regnet!‘

„Eine langweilige Geschichte“ – zufällig lautet so der Titel einer Novelle von Tschechow, in der man den Satz lesen kann: „Früher haßte ich Gewalt und Willkür; jetzt aber hasse ich die Leute, die Gewalt ausüben!“

Das Gericht in Trient, das soeben feststellte, daß Männer in Südtirol tatsächlich von den Carabinieri geschlagen, geprügelt, gefoltert worden waren, und das sich dennoch nicht entschließen konnte, diese „Hüter der Ordnung“ zu bestrafen, hat sich einer gewaltigen Blamage ausgesetzt. Daran ändert die Tatsache nichts, daß die schlimmsten Berserker in Uniform nicht gerade freigesprochen wurden, sondern unter eine Amnestie fielen. Jedenfalls zogen die beamteten Prügler frei davon, während unter den Geprügelten, die hier als Kläger auftraten, einige in Ketten abgeführt wurden, zurück in die Gefängniszelle. An der Blamage des Trientiner Gerichtes ändert auch die Tatsache nichts, daß diese Männer in Handschellen beschuldigt sind, Terrorakte ausgeübt zu haben, worüber demnächst die Richter in Mailand befinden werden.

Vielleicht ist es nötig, die Fortsetzung jenes Satzes aus Tschechows „Langweiliger Geschichte“ zu zitieren. Wenn Tschechow die „Leute, die Gewalt ausüben“, haßt, so ist es eine noble Art zu hassen: nämlich eine Art von Selbsthaß. „Als ob sie allein schuld wären und nicht wir alle, die wir einander nicht zu erziehen verstehen!“

Unmöglich darf man das Wort Tschechows: Früher haßte ich Gewalt und Willkür“, so auslegen, daß er später den Begriffen Gewalt und Willkür gleichgültig gegenüberstand. Würfe man solche Gleichgültigkeit den Richtern von Trient vor, sie würden dies als die größte, die ungerechteste Beschimpfung empfinden. Gut, aber dann macht euch nicht mitschuldig daran, daß Polizisten auch zukünftig ruhig weiterprügeln und weiterfoltern dürfen, in Italien wie in allen anderen Ländern!

Wie es in den Berichten über den Prozeß heißt, haben die Zuschauer, soweit sie Italiener waren, die Prügelpolizisten freudig begrüßt, die frei aus dem Gerichtssaal spazierten, während die Südtiroler bei diesem Anblick die Fäuste in den Taschen ballten.

Warum ist in unseren europäischen Ländern noch niemals einer, der aus tiefster Seele Gewalt und Willkür haßt, auf die Idee gekommen, sein Land, aber auch sich selber zutiefst blamiert zu finden, solange noch irgendein Polizist auf einen wehrlosen Mann herumtrommelt, daß die Fetzen und Zähne fliegen, angeblich „zum Schutz und Ehren der Demokratie“?