Nun hat auch im westdeutschen Steinkohlenbergbau die Stunde für eine neue Lohnrunde geschlagen. Für die rund 350 000 Beschäftigten in den Kohlenrevieren Ruhr, Aachen und Niedersachsen hat die Bergarbeitergewerkschaft zum 30. September die Lohn- und zum 31. Dezember auch die Arbeitszeitverträge gekündigt.

Dieser Schritt der Bochumer Gewerkschaftsführung kommt zwar nicht gerade wie ein Blitz aus heiterem Himmel, trifft aber die Zechenleitungen nicht minder heftig. Es mußte schon damit gerechnet werden, daß die IG Bergbau und Energie nach der hierzulande nun einmal üblichen Gesetzmäßigkeit „nachziehen“ würde, nachdem vor allem die Metallarbeiter-Gewerkschaft ihre Lohnverhandlungen erfolgreich abgeschlossen hatte. Heinrich Gutermuth hat diesmal noch keine festumrissene Forderung angemeldet. Ob das ein Fortschritt in der Verhandlungstaktik ist, darf bezweifelt werden, denn nach wie vor gilt die Spitzenstellung des Bergmanns in der Lohnskala als Maßstab für gewerkschaftliche Tarifpolitik, eine Forderung, die früher durchaus als unwiderrufliches Privileg der Bergarbeiter anerkannt wurde, die mit dem Rechenstift jedoch nie begründet werden konnte. Viel weniger noch ist das jetzt der Fall.

Die Ertragslage der westdeutschen Steinkohlenzechen ist nicht nur allgemein schlecht, sondern überwiegend sogar besorgniserregend. Die just zu Ende gegangene Bilanzsaison sollte uns darüber die Augen geöffnet haben. Verlustabschlüsse waren bei den Zechengesellschaften keine Ausnahme. Daß die Erträge der Bergwerksgesellschaften keinen Spielraum für die „Spitzenstellung des Bergmanns“ lassen, das weiß man auch in der Bochumer Gewerkschaftszentrale, die schließlich über das Mitbestimmungsgesetz auch Arbeitgeberfunktionen ausübt und die Bergbauabschlüsse mit den roten Zahlen sehr genau kennt. Aber eine auf einem Gewerkschaftstag gefaßte Entschließung, in der es hieß, daß die Ertragslage der Zechen nicht den Maßstab setzen dürfe für die Lohnentwicklung der Bergarbeiter, steht offenbar nicht nur auf dem Papier. Und sie wird, das darf ebenfalls nicht verkannt werden, in weiten Kreisen der Arbeitgeberseite – nicht ganz so offen, aber nicht weniger überzeugt – für richtig gehalten.

Was wird also geschehen, wenn die Zechen in absehbarer Zeit mehr bezahlen müssen als sie ohnehin jetzt schon verkraften können? Ein Ausgleich über den Kohlenpreis erscheint angesichts der Wettbewerbslage absurd. Und das Rezept von gestern? Die letzte Lohnforderung der IG Bergbau im Juni 1962 ist bekanntlich weitgehend aus dem Staatssäckel ermöglicht worden. Das war ein gefährlicher Präzedenzfall, an dessen Einmaligkeit zu glauben uns schon damals schwerfiel. Aus wessen Tasche aber soll die Zeche der Zechen diesmal bezahlt werden.? Die Kassen des Bergbaus selbst – das jedenfalls steht fest – sind leer. Ingrid Neumann