Ich bin kein Fachmann, was Rundfunk und Fernsehen betrifft, so gehe ich dem anstrengenden Beruf eines Konsumenten nach, in dem ich bisher auch brav alle meine Pflichten erfüllt habe. Schon mein Vater war Rundfunkhörer, seit dem Jahre 1924. Um das vom Vater Ererbte auch recht zu besitzen, habe ich erworben, was immer erworben sein wollte, und das war nicht wenig. Aber ich habe es bis heute geschafft und kann mit Recht von mir behaupten, ich sei ein guter Konsument: Vorkriegs-„Super“, „High Fidelity“-Gerät, Drucktastenneuerungen, Tonband, sogenannte Musiktruhe, Fernsehen, bald mit zweitem Kanal und neuer Antenne... Schweigen will ich von den vielen Schallplatten – auf diesem Gebiet fühle ich mich als Profi. Meine Sammlung ist berühmt. Nicht einmal die Stereophonie bedeutet mir etwas grundlegend Neues.

Als man mir mit der überraschenden Tatsache kam, daß der Mensch schließlich nicht mit einem Ohr höre, sondern mit zweien, fand ich dieses Argument plausibel genug, um zur Anschaffung eines Gerätes zu schreiten, das zwei Lautsprecher und einen Tonabnehmer besitzt, der auf den – besonders teuren – Stereo-Platten beide Rillenkanäle abtasten kann. Ich durfte die Große Deutsche Funkausstellung Berlin 1963 nach Entrichtung der Eintrittsgebühr von zwei Deutschen Mark in der beruhigenden Gewißheit betreten, auf der Höhe der Zeit zu sein.

Allein, der Konsument denkt, und die Erfinder lenken. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, daß nach der Schallplatte auch das gute alte Radio stereophonisch zu werden droht. Mit einem netten Herrn, Cheftechniker einer weltbekannten Firma, geriet ich ins Gespräch. „Das ist mir nichts Neues“, sagte ich zu ihm. „Der Sender Freies Berlin hat mehrfach stereophonische Versuchssendungen ausgestrahlt. Ich habe sie abgehört, indem ich mein Hi-Fi-Gerät auf die eine Welle stellte und den in der entgegengesetzten Zimmerecke deponierten Transistorempfänger meiner Frau auf die andere Welle. Es klang scheußlich.“

„Längst überholt korrigierte er. „Seit der Erfindung des Pilotton-Verfahrens braucht man keine zwei Empfänger mehr. Wie die Stereo-Schällplatte in einer Rille zwei Kanäle vereint, sendet der Sender auf einer einzigen UKW-Welle zwei Tonkanäle. Ein kleiner Decoder sortiert sie im Empfangsgerät und gibt den einen zum linken, den anderen zum rechten Lautsprecher weiter: Der stereophonische Ton ist perfekt.“

Davon durfte ich mich alsbald überzeugen. An fast jedem Stand fast einer jeden Firma konnte man in kleinen, chic ausgestatteten Kabinen stereophonischer Rundfunkmusik lauschen, die, eigens auf komplizierte Weise von Kleinsendern ausgestrahlt, an Ort und Stelle wieder empfangen wurde.

„Leider“, fuhr mein Gesprächspartner fort, „ziehen die Rundfunkanstalten da nicht so recht mit. Sie zaudern, und eben verkündeten sie in Übereinkunft, daß sie noch lange Zurückhaltung üben wollen. Nur der SFB, der ja auch während der Dauer der Funkausstellung täglich Stereoprogramme ausstrahlt, experimentiert in dieser Richtung. Dabei könnte und würde die Industrie gerne liefern.“

„Ja“, sagte ich, „der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.“