H. W., Flensburg

Norddeutschlands Alkoholfreunde traf ein harter Schlag: Auf der Flensburger Förde ist die „Freiwillige Selbstkontrolle“ für die „Spritkreuzer“ eingeführt worden – für jene Fördedampfer, die als schwimmende Schnapsläden zwischen Flensburg und dem kleinen dänischen Hafen Kollund verkehren oder eine kleine „Rumreise“ um die dänischen Ochseninseln machen. Bislang galten diese Spritfahrten als die größte Fremdenverkehrsattraktion Flensburgs.

Nicht ohne Grund. Sobald die Fördedampfer ihre Anlegebrücke in Flensburg verlassen hatten, wurden die Verkaufsstände geöffnet und es gab Zigaretten und Alkohol zollfrei. So kostete eine Flasche Hennessy, für die man an Land 19,25 DM bezahlte, an Bord der Schiffe nur acht Mark, und eine Flasche Whisky „Black and White“, für die man an Land 18,50 DM auf den Ladentisch legte, wurde auf den Fördedampfern ebenfalls für acht Mark verkauft. Zigaretten kosteten pro Stück nur 2,5 Pfennig.

Der Flensburger Spirituosengroß- und -einzelhandel wurde zuerst auf diese Einkäufe aufmerksam, denn sein Absatz ging von Monat zu Monat zurück. Als schließlich schleswig-holsteinische und Hamburger Omnibusunternehmen regelrechte Spritfahrten nach Flensburg organisierten, da begann auch der Spirituosenhandel in der Hansestadt und in anderen schleswig-holsteinischen Städten um seine Einkünfte zu bangen. Der Protest beim Bundesfinanzministerium ließ nicht auf sich warten.

Bonn schickte Ministerialrat Schädel, der „alle Beteiligten“ zu einer Konferenz einlud. Da saßen sich denn in Flensburg die Spirituosenhändler, die Reeder der Fördedampfer, die Vertreter der Industrie- und Handelskammer und auch die Schiffsausrüster gegenüber und berieten, was nun zu tun sei. Schädel, der zuvor eine Reise nach Kollung unternommen hatte, war tief erschüttert von dieser Erkundigungsfahrt zurückgekehrt. Man hatte – wenn auch natürlich vergeblich – versucht, ihn zu einer Übertretung der Gesetze zu verleiten. Als er, wie es das Gesetz erlaubt, eine Packung Zigaretten zollfrei erwerben wollte, hatte ihm die Verkäuferin zwei Packungen zugeschoben und dem Ministerialrat den Tip gegeben: „Rauchen Sie die eine an; mit dem Rest kommen Sie durch!“ Kein Wunder, daß Schädel deutlich wurde. Er riet den Gesprächsteilnehmern, sich freiwillig zu einigen, da sonst „behördlicherseits Maßnahmen“ ergriffen werden müßten.

Die Einigung kam 14 Tage später in einer zweiten Besprechung zustande. Die behördlichen Konsequenzen vor Augen entschloß man sich zur freiwilligen Selbstkontrolle. Seit dem 2. September dürfen nun Spirituosen auf dem Fördedampfer nur noch in halben Flaschen verkauft werden. Die Werbung für Spirituosen auf den Kurzfahrten wird eingestellt. Verkauft werden darf nur an Reisende, die das 21. Lebensjahr vollendet haben. Bisher durften schon die 16jährigen ihren „Reiseverzehr“ mitnehmen. Man einigte sich ferner darauf, diese Vereinbarung zunächst drei Monate gelten zu lassen, um die Entwicklung zu beobachten.

Dieser Entwicklung allerdings sehen die Freunde des Alkohols mit einiger Sorge entgegen. Da mit einem Umsatzrückgang auf den Schiffen zu rechnen sei, hieß es bei der Industrie- und Handelskammer Flensburg, müßten wohl die Preise angehoben werden. Flensburg, so ist zu befürchten, wird um eine Attraktion ärmer.