Berlin‚ im September

Wenn es jetzt an des mitteldeutschen Bürgers Haustür klingelt, dann ist es zwar noch immer nicht der Milchmann, aber auch nicht mehr der SSD-Mann im Ledermantel. Es ist ein Genosse mit missionarischer Aufgabe. Höflich, aber bestimmt sagt er: „Ich komme euch agitieren.“

„Ich agitiere dich“, „du agitierst mich“ – in der deutschen Sprache kommunistischer Prägung ist das heute ein gängiger Ausdruck. Agitieren gilt bei den Kommunisten schon immer als gesellschaftliche, also als ehrenvolle Aufgabe. Sie gilt neuerdings als zwingende Einlaßkarte in jede Privatwohnung. Denn die Kommunisten, die seit eh und je ihre Leute in den Betrieben erfaßten, haben jetzt auf Beschluß des Politbüros auch die Wohnungen der Bürger einbezogen.

Gewiß gab es in der Vergangenheit auch dort schon politische Agitation, aber die ging nur bis an die Haustür. Es erschienen regelmäßig Abgesandte der Nationalen Front, die zu Versammlungen baten; Vertreter des kommunistischen Gewerkschaftsbundes, die zu Kundgebungen aufforderten, Männer von der Gesellschaft für Sport und Technik, die zu Übungen einluden; eifrige Funktionärinnen des Frauenbundes, die Windeln für kubanische Kinder sammelten; schließlich FDJler, die Mitglieder warben. Die hausinterne politische Betreuung aber blieb meist einem Rentner überlassen, der seine Aufgabe mehr schlecht als recht versah. Immerhin summierte sich das alles zusammen schon zu einer ziemlichen Plage. Früher, als noch Flüchtlinge in Massen in den Westen kamen und man sie fragte, warum sie alles im Stich gelassen hatten, war ihre Antwort meist: „Weil man uns nicht in Ruhe ließ.“

Dennoch war dem Regime die Ruhe seiner Bürger im Privatleben noch zu groß. Wie eindringlich auch immer die politische Berieselung in den Betrieben gewesen sein mochte, welchen Eifer auch dieser oder jener Funktionär an den Tag gelegt hatte, zu Hause wollte der Bürger für sich sein. Sogar die betriebsamsten SED-Männer zogen innerhalb ihrer vier Wände die Jacke aus, hingen die Betriebsamkeit an den Nagel und huldigten – wie die SED-Führung erbost feststellte – der „FFF-Ideologie“: der Feierabend-, Filzlatschen- und Fernseh-Ideologie.

Außerdem berechneten die Statistiker, daß von den 17 Millionen Einwohnern höchstens 7 Millionen in den Betrieben erfaßt werden können. Das waren die 7 Millionen, auf die es nach kommunistischer Auffassung ankam, vornehmlich die Industriearbeiter, die als die Erstgeborenen der Diktatur des Proletariats gelten. Doch nicht einmal ihnen hatte die SED in 16 Jahren, das rechte sozialistische Bewußtsein einzuimpfen vermocht. Das nun ist der tiefere Grund für den waghalsigen Versuch, die Agitation hinter die Wohnungstüren zu tragen. Denn daß der Angriff auf die Intimsphäre zu den verwegensten Unternehmen der SED gehört, hat auch das Politbüro erkannt.

Ulbricht wählte dazu einen seiner besten Männer, den Rabbinersohn Albert Norden aus Myslowitz in Oberschlesien. Er ist von Hause aus Journalist, emigrierte 1933 in die Vereinigten Staaten, übernahm 1949 die Hauptabteilung Presse in Gerhart Eislers Amt für Information, war als Staatssekretär Leiter des kommunistischen „Ausschusses für deutsche Einheit“, kam 1955 als Sekretär für Agitation ins Zentralkomitee und im Juli 1958 ins Politbüro. Man spürt Ulbrichts führende Hand an diesem vehementen Aufstieg Nordens in die Spitzengruppe.