Von einer Vortragsreise, die ihn nach Westdeutschland und in die Schweiz geführt hatte, ist Prof. Dr. Hans Mayer, Direktor des Instituts für Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Leipzig, nicht in sein Amt und in die Zone zurückgekehrt. Dieser Entschluß, den er auf einer Konferenz im Rowohlt-Verlag bekanntgab, ist beiderseits des Eisernen Vorhanges von Menschen, die darüber unterrichtet sind, wie Ulbricht die „Freiheit des Geistes“ versteht, seit langem erwartet worden.

Tatsächlich verengt sich im Machtbereich des deutschen kommunistischen Diktators die Möglichkeit objektiver Forschung und Lehre, aber auch individueller Sprache mehr und mehr. Daß dies – nach den Theologen – die Literaten und Geisteswissenschaftler aufs schwerste trifft, ist logisch. Denn ohne eine gewisse Freiheit kann auf den Gebieten des Geisteslebens nichts Gutes, geschweige denn Großes, erreicht werden. Entweder versinkt ein Literat oder ein Dichter in Schweigen, wie Brecht es getan, oder er wird, wenn er im Lande bleibt, zum Funktionär, der staatlich vorgeschriebene Drucktexte und Parolen liefert. Entweder verliert ein Gelehrter Niveau und jegliche Bedeutung, oder er sucht, wenn’s ihm gelingt, einen Ort, in dem genug frische Luft nicht nur zum Atmen, sondern zum Denken, Forschen, Lehren vorhanden ist. Dies hat Hans Mayer tun müssen und getan.

Es geht den Menschen, die bisher noch als Stolz der „DDR“ präsentiert wurden, heute schlecht. Von Peter Huchel beispielsweise, dem Dichter und Wortführer der Intellektuellen, hört man nichts mehr oder nichts Gutes. Als der Philosoph Ernst Bloch vor Jahresfrist zufällig im Westen war und vor der neuerrichteten Mauer zurückschreckte, so daß er in Westdeutschland blieb, stand Hans Mayer vor derselben Wahl und Möglichkeit. Damals kehrte er nach Leipzig zurück – um seiner Studenten willen. Heute ist es ein Leipziger Student, der – von der SED zum „Sprecher“ abgerichtet – in der Universitätszeitung erklärte: „Eine Lehrmeinung zuviel!“ Gemeint war Hans Mayer, dem man allzu lange schon vorwarf, daß er nie darauf verzichtet hatte, auch im Westen zu publizieren, und der sich noch immer das Recht herausgenommen hatte, die Themen seiner Forschung selber auszuwählen, zum Beispiel in seiner Kafka-Deutung, der nur durch eine „Kleinigkeit“ an Gewicht verlor: Kafkas Werke sind drüben verboten.

Vor die Wahl gestellt, das Recht auf Lehrmeinung zu haben oder zum Funktionär zu werden, war dem Professor, der zu den bedeutendsten deutschen Literaturhistorikern zählt, nur eine Entscheidung möglich: die zur Freiheit. Wir hatten es nie anders erwartet. J. M.-M.