Von Werner Haltmann

Man wußte, daß der uralte Mann – er starb 1957 mit 94 Jahren in seinem Schweizer Refugium in Oberägeri – an seiner Lebensgeschichte schrieb. Gerüchte von einem Riesenmanuskript drangen von außen. Etwas Mächtiges, knorrig Eigenwilliges schien da zu wachsen. – Wie der Mann selber war, dessen halluziniertes Holzhauergesicht E. L. Kirchner in einem seiner schönsten Holzschnitte festgehalten hat.

Jetzt liegt sein Lebensbuch vor, ein dicker Band – und man wünscht sich, er wäre zehnmal so dick –

Henry van de Velde: „Geschichte meines Lebens“; Piper Verlag, München; 545 S., 137 Abb., 44,– DM.

Hans Curjel hat die unredigierten Manuskriptteile, die van de Velde hinterließ, herausgegeben. Was zustande kam, ist ein sehr diszipliniertes Buch. Mag Curjel auch manchen Schnörkel und manches wuchernde Unterholz herausgeschlagen haben – und trauere ich persönlich den Schnörkeln und dem Unterholz nach –, der innere Wurf dieses Buches ist ohne Umschweife auf knappen Bericht gestellt. Wie dieser Mann eben auch war, der in einer arg verschwärmten Zeit – und selbst nicht frei von Schwarm – die Gestaltung unserer Umwelt in Architektur, Möbeln und Gerät auf praktische, vernünftige Zwecke stellte.

Das war eine erstaunliche Generation, die im Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende dazu getrieben wurde, ex nihil einen „Stil“ zu schaffen, der die ästhetische Entsprechung der modernen wissenschaftlichen Epoche, ihrer Technik und ihrer rationalen Denkweise sein sollte, der aber auch gleichzeitig ihren irrationalen Erkenntnissen und Sehnsüchten, die sich auf die Tiefenerfahrungen im Menschen und auf eine neue Durchschaubarkeit der Natur richteten, zum formalen Ausdruck verhelfen sollte. Einstein und Freud können auf der wissenschaftlichen Ebene als die Symbolfiguren dieser seltsamen verkoppelten geistigen Konstellation gelten.

Das neue Stilbild wuchs im Jugendstil herauf. Es wurde geschaffen durch einen neuen Typ von Künstler, der – entsprechend der Konstellation – die rationale Theorie mit der irrationalsten Auffassung vom freien Schöpfertum verband und beides mit missionarischem Eifer verkündete.