Von Willi Bongard

Es ist beinahe so schwierig, darüber zu schreiben, wie sich darin zurechtzufinden – eine Landschaft, mitten in der Bundesrepublik, die für die meisten Deutschen terra incognita ist: Das Hohe Venn. Das gängige Vokabular der Prospekt-Verfasser trifft ebenso wenig wie die überschwenglichen Formulierungen der Heimatdichter. Das Hohe Venn läßt sich nicht besingen. Ich versuche es also auch nicht erst.

Die trocken-nüchterne Diktion des Brockhaus’ wird der Landschaft noch am ehesten gerecht: „Hohes Venn (idg. Sumpf) franz. Hautes Fagnes“, heißt es da. Die Indogermanen haben es also schon gekannt. Schon? Eher wohl noch.

Und weiter im Brockhaus-Text: „Niederschlagsreicher Höhenrücken des Rhein. Schiefergebirge im NW der Eifel, südlich Aachen, aus kambr. Schiefern und Quarzitten, mit sanftem N-Hang, breitem, kahlem und vermoortem Rücken“. Das klingt einigermaßen abschreckend. Ist es auch; besonders das mit dem Niederschlagsreichtum, dem einzigen Reichtum des Venns übrigens. Während es das Rheinland im Jahresdurchschnitt auf 700 Millimeter Schnee und Regen bringt und das „Regenloch“ Aachen reichlich 800 Millimeter abbekommt, kann sich das Venn mit 900 bis 1200 Millimeter brüsten. Nur grenzenlose Optimisten können im Venn auf Schönwetter hoffen. Beiseite: in der ersten Augusthälfte dieses Sommers fiel im Venn – allen Wetterstatistiken zum Trotz – kein Tropfen, aber auch kein einziger Tropfen ...

Die Nordwest- und Weststürme, die von der atlantischen Küste kommen, regnen sich am Venn, der ersten größeren Erhebung, erst einmal tüchtig ab. Allem Anschein nach ist es so seit Jahrtausenden der Fall gewesen; denn anders läßt sich das Hochmoor wohl nicht erklären und auch nicht die vielen Bäche und Rinnsale, die hier entspringen. Im Norden die Helle und die Soor, daneben die Gileppe, im Westen die Taureau, Save und Statte, im Südwesten der Polleur, im Süden der Bayeonbach und die Warche, im Osten schließlich die Rur, die „Neûre Aive“ der Wallonen. Kein Erdkundeunterricht, der uns darauf vorbereiten könnte. Aber was für Namen!

Den Etymologen müßte es hier ebenso viel Spaß machen wie den Ethnologen, den Geologen sowieso, von den Biologen ganz zu schweigen. Wenn auf den weiten Ödflächen des Venn, auf denen Birken, Erlen, Sträucher und Gestrüpp stumm gegen das Moor und dessen Bundesgenossen Wollgras und Heide kämpfen, wenn hier überhaupt Worte fallen, Worte – und nicht „Ohs und Ahs“ flüchtiger Touristen –, dann lassen sich die aufs Lateinische zurückführen, das sich mit Keltischem und später mit Fränkischem zu dem vermischt hat, was man einfältig genug das „Welsche“ oder „Wallonische“ nennt. Als ob es uns fremd sein müßte! Dabei spiegelt sich gerade hier im östlichen Zipfel des Lütticher wallonischen Sprachgebietes ein großartiges Stück europäischer Geschichte von den Römern bis zur fränkischen Landnahme.

An Geschichten freilich fehlts. Über die ist das Moos (der Zeit) gewachsen. Das Venn gibt sie so leicht nicht her. Den Geologen, den Biologen und Ökologen, den Umweltforscher, offenbart es sich noch am ehesten und damit allen Besuchern, die sich für diese Kenntnisse interessieren. Das Gestein des Venn rührt aus der Frühzeit der Erdgeschichte, dem Kambrium, und auch die Flora vermittelt eine Ahnung urgeschichtlicher Zeiten. Wo sonst finden sich – neben Sumpfveilchen, Rosmarinheide, Seidelbast und Siebenstern auch Arnica, gelber Fingerhut und blauer Enzian – der rätselhafte Sonnentau und die Flocken des Wollgrases? Die blauen Waldbeeren und die roten Preiselbeeren nicht zu vergessen.