Von Adolf Metzner

In einer stillen Straße am Hydepark in einem weißgetünchten Haus mit viktorianischen Gipsschnörkeln residiert der englische Fußballverband. Ein blankgeputztes Messingschild trägt die Aufschrift „The Football Association“. An Stößen alter Programmhefte vorbei dringe ich bis zu einem alten Herrn vor, der bedächtig nach meinen Wünschen fragt. Mister Follows wollte ich sprechen, der in echt englischem Understatement einfach Sekretär heißt, in Wirklichkeit aber der mächtigste Mann der Fooball Association ist.

Im Herbst dieses Jahres wird der englische Fußballverband sein hundertjähriges Bestehen als ältester Fußballverband der Welt feiern. Aber nicht nur als eine Art Maître de plaisir wird Mister Follows dann fungieren, wenn am 23. Oktober in einem der vornehmsten Londoner Hotels, dem „Dorchester“, ein glanzvolles Bankett zelebriert wird, er wird auch auf der Tribüne als Organisator in der Nähe der Königin sitzen, wenn unter ihren huldvollen Blicken das Jubiläumsspiel England gegen den „Rest der Welt“, wie man auf der Insel sarkastisch das „FIFA“-Team nennt, im Wembleystadion abrollt.

Mehr noch – Mister Follows bereitet auch die nächsten Fußball-Weltmeisterschaften 1966 in England vor und wird sie als Chef des Organisationsstabes auch dirigieren. Gründe genug, sich mit diesem Mann, der sich schlicht „Sekretär“ nennt, einmal eine Stunde lang zu unterhalten.

Aber mir schwant Furchtbares, als der alte Herr inmitten seiner tausend Programmhefte mir sagt, Mister Follow sei im Augenblick noch in einer Sitzung, er werde aber gleich kommen; dabei zeigt er auf ein kleines schwarzes Brett: 15 Uhr, steht da zu lesen, Shamateurism. Frei übersetzt heißt das Scheinamateurismus. Auf 16 Uhr hat mich Mister Follows zu dem gewünschten Gespräch gebeten, und soviel war es bereits. Eine Diskussion über die so verwickelte und stachelige Amateurfrage kann doch gar nicht in einer einzigen Stunde vorüber sein! Aber sie war es. Wir sind in England.

Dann stehe ich im Arbeitszimmer des Mannes, von dem die Briten hoffen, daß er sie wenigstens im Fußball wieder zu „victorious happy and glorious“ führt. Dunkle, etwas aus der Mode gekommene Möbel und viele Wimpel, Silberbecher, Statuetten und halb vergilbte Photographien. Hinter einem großen mit Aktenstößen beladenen Schreibtisch erhebt sich im korrekten grauen Anzug, die schwarze Lese-Hornbrille abnehmend, der Sekretär des englischen Fußballverbandes, Mister Denis Follows. Ein „Endfünfziger“ mit jenem rundlichen Gesicht und den fast weichen Zügen, wie sie aber auch für manche hartgesottenen englischen Erfolgspolitiker typisch sind.

„Leider kann ich kein Wort Deutsch, aber Sie sprechen sicher ein ausgezeichnetes Englisch“, sagt der Hausherr hinter dem Schreibtisch. „Aber wir können uns auch Französisch unterhalten, wenn es Ihnen lieber ist.“ Wir bleiben beim Englisch, wenn auch das meine nicht gerade ausgezeichnet ist.