Salvador de Madariaga, der alte spanische Recke, behauptet, die Deutschen seien „von machtpolitischem Denken besessen“. Beweis: „Eine weitverbreitete deutsche Wochenzeitung“ (der Leser wird es erraten: DIE ZEIT) habe geschrieben, die Menschen würden heute nicht von Glaubenssätzen bewegt, sondern von der Sorge um Lebensstandard, Ruhe, Sicherheit – niemand wolle Märtyrer sein oder Kreuzzüge führen.

Madariaga bezeichnet diese unsere Feststellung als „Rat“. Es handelte sich aber nicht um einen Rat, sondern um eine Analyse unter dem Titel „Moskaus Zweifrontenkrieg“, in der festgestellt wurde, daß auch Chruschtschow diesem Pragmatismus huldige, eben das unterscheide ihn von den chinesischen Dogmatikern. Darum, so schließt der Artikel, „wäre es eine ganz natürliche Entwicklung, wenn der Eiserne Vorhang eines Tages nicht mehr quer durch Europa liefe, sondern die Pragmatiker vor den Dogmatikern schütze“.

Madariagas Artikel wurde von einer weitverbreiteten Züricher Zeitung unter dem Titel „Moral statt Machtpolitik“ als Leitartikel abgedruckt. Es kommt vor, daß große Männer große Mißverständnisse herbeiführen. Aber daß berühmte Zeitungen unrühmliche Verfälschungen zulassen, das ist bedauerlich. Dff.