Die Börse ist wieder einmal zu einer Art Glücksspiel geworden. Niemand weiß im voraus, wann welches Papier seinen Weg nach oben antreten wird. Nach altbewährter Methode aus der 1960 beendeten, aber unvergessenen Hausse-Periode befindet sich der Berufshandel bereits wieder auf der Suche nach „zurückgebliebenen“ Papieren. Wo man Bewegungen braucht, wird oftmals mit der Geburt phantasievoller Gerüchte nachgeholfen. Glücklicherweise blieben das bisher Randerscheinungen, von denen sich die Masse der sogenannten „echten“ Anleger nicht beeindrucken ließ. Vielmehr kann dem Publikum ein ausgesprochen nüchternes Verhalten bescheinigt werden, was vor allem dann zutage tritt, wenn es gilt, bei überdurchschnittlich gestiegenen Papieren Kursgewinne zu realisieren/Das war in der jüngeren Vergangenheit vor allem bei Papieren der Fall, die – um einen Ausdruck der Dresdner Bank zu gebrauchen – nach Öl riechen. Sowohl bei den Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG als auch bei den Papieren der Deutschen Erdöl AG hat es in den zurückliegenden Wochen beträchtliche Verkäufe gegeben. Dennoch kam es hier zu keinen Kursrückschlägen.

Da Banken und Anleger der Meinung sind, daß der Endpunkt der diesjährigen Kursaufwärtsbewegung noch immer nicht erreicht ist, wurden die Erlöse aus diesen Verkäufen meist umgehend wieder in Aktien angelegt. Dadurch geriet nach und nach der gesamte Aktienmarkt in Bewegung, allerdings in unterschiedlichen Ausmaßen. So erwiesen sich die großen Chemie- und Elektrowerte weiterhin als ziemlich unbeweglich, obwohl in den letzten Tagen das europäische Ausland hier als Käufer auftrat. Es fehlen aber die „geballten“ amerikanischen Kaufaufträge, die in den vergangenen Jahren die IG-Farben-Nachfolger in ständiger Bewegung hielten. In Bankkreisen wird darauf hingewiesen, daß das „Zurückbleiben“ dieser Papiere allein technische Gründe hat und nicht etwa ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Situation dieser Unternehmen darstellt.

Aus den letzten Zwischenberichten ist zu ersehen, daß es gerade bei der Großchemie wieder aufwärts geht und die Investitionstätigkeit eine Belebung erfährt. Dieser Optimismus beschränkt sich jedoch nicht auf die chemische Industrie, auch in anderen Branchen erwartet man einen allmählichen Aufschwung, wobei zu erwarten ist, daß sich die Kostenentwicklung näher am allgemeinen Produktivitätsfortschritt bewegt, als dies im vergangenen Jahr der Fall war.

Die Politik kommt in diesen Monaten der aufwärtsstrebenden Börsentendenz entgegen. Nennenswerte Störungen sind ausgeblieben. Mit einer gewissen Spannung wartet man auf die Reaktion der Börse, wenn Prof. Erhard im nächsten Monat sein Amt als Bundeskanzler antreten wird. Niemand glaubt jedoch, daß sich daraus für den Aktienmarkt ins Gewicht fallende Anregungen ergeben könnten. Im Vordergrund stehen bei der Kursbildung die wirtschaftlichen Aspekte, die der Börse in diesem Herbst eine gute Stütze bieten. Entscheidend bleibt die Konjunkturentwicklung, wobei für die Anleger Umsatzrekorde eine geringere Rolle spielen als das, was für die Gesellschaften zur Selbstfinanzierung und zur Gewinnausschüttung nachbleibt.

Niemand erwartet im Geschäftsjahr 1963 eine sich in den Dividendensätzen niederschlagende Gewinnbesserung. So weit ist die Wirtschaft noch längst nicht, zumal wir mit aller Wahrscheinlichkeit vor einer neuen Investitionswelle stehen, die erhebliche Kapitalien in Anspruch nehmen wird. Die jetzt erfolgte Kurskorrektur wäre schon dann zu rechtfertigen, wenn dem Gewinnschwund im laufenden Geschäftsjahr ein Ende bereitet wird. Und danach scheint es in manchen Bereichen der Industrie auszusehen.

Rätsel gibt in dieser Hinsicht allerdings der Montanmarkt auf. Eisen- und Stahlaktien fanden im Hinblick auf die bei ihnen erzielbare günstige Rendite einiges Interesse bei den Anlegern. Allerdings fehlt es hier an der rechten Begeisterung, weil kaum Anzeichen für eine Ertragsverbesserung vorhanden sind. Die Banken sind deshalb mit Kaufempfehlungen auch zurückhaltend. Allenfalls richten sie die Aufmerksamkeit ihrer Kunden auf solche Unternehmen, die über ein ausgewogener, Produktionsprogramm verfügen, also schon weit in die Verarbeitung eingedrungen sind. K. W.